 |
Cross-Hedge
|
Im
praktischen Anwendungsfall eines
Kurssicherungsgeschäfts
sind die Umstände nicht so gefällig, dass die Terminbörsen einer jeden
aus einem Grundgeschäft hervorgegangen sicherungsbedürftigen Risikoposition
("risk exposure") immer und ausnahmslos ein Futures-Produkt gegenüberstellen,
das mit einem für den fraglichen Zweck zusammenpassenden Kontraktgegenstand
("underlying") gleicher Gattung ausgestaltet ist, und das auch
sonst eine noch genügende
Marktliquidität verschafft.
Ursächlich für den Erfahrungssachverhalt einer solchen Unfertigkeit
mag die bewusst nur mehr mäßig gehaltene Zahl an zur Auswahl offenstehenden
aktiv gehandelten Futures-Märkten sein. So kannte man unlängst weder
Futures auf Kerosin* noch auf Dieselöl. Um markttechnische Zwänge
der eben geschilderten Art zu bemeistern und sich ungeachtet einer Inkongruenz
von Güter- und Terminmarkt auch in einer derartigen Verlegenheit wirkungsvoll
gegen nicht antizipierte Schwankungen der Spotmarktpreise jener Güter
zu schirmen, kommt neben anderen der Kunstgriff eines sogenannten
Cross-Hedge in Betracht:
Der Disponierende sucht ersatzweise Schutz auf solchen Futures-Märkten,
auf denen der Terminkurs mit den Preisbewegungen auf dem Effektivmarkt
des abzusichernden Gutes in ausgebreitet gleichförmigen Bahnen läuft,
d.h. so stark positiv als möglich
korreliert**; denn die Hedge-Effizienz, also die Wirksamkeit und
damit der Schlusserfolg eines jeden Hedgegeschäftes, hängt entscheidend
ab vom Grad des Parallelverlaufs der Preise in den einbezogenen Märkten.
[* Kerosin-Futures
werden seit dem 5. Juli 1999 an der japanischen Terminbörse
Tokyo Commodity Exchange
(TCOM) gehandelt. Kerosin wird u.
a. als Flugturbinenkraftstoff verwendet.]
[** Denkbar und
möglich wäre auch, den eventuellen Ausfall in einer Gütergattung durch
eine zweckmäßige Aggregation mehrerer verschiedener Futures zu beheben.
Angezeigt mag ein solches Vorgehen allemal dann sein, wenn Letztere
in ihrer optimalen strukturellen Zusammensetzung den infrage stehenden
Markt besser abzubilden imstande ist, als der bestmögliche einzelne
Futuresmarkt im Anwendungsfalle eines "einfachen" Cross-Hedge ("composite
hedge"). Hierzu bedarf es einer nicht immer ganz mühelosen planerischen
Vorarbeit, um die Gesamtheit der zur Wahl offenstehenden Glieder in
ihrem praktischen Zusammenwirken zielentsprechend zu kombinieren. –
Hinweis: Falls es zwar an einem passenden Futuresmarkt mangelt, wohl
aber ein ausgebildeter Optionsmarkt für die fragliche Gütergattung existiert,
lässt sich die erwünschte Position in Futures alternativ auch mittelst
Optionen auf synthetische
Weise aufbauen.]
Zu den
im Substitutionswege in die engere Auswahl kommenden Terminkontrakten
zählen aus verständlichen Gründen all jene Arten von Futures, die mehr
oder minder den gleichen Preisdeterminanten unterworfen sind, die auch
für das fragliche Grundgeschäft Maßgeblichkeit beanspruchen (Substitutionsgut
mit hohem Verwandtschaftsgrad). Sofern es in einer konkreten Hedge-Situation
nur möglich ist, eine Gütergattung in Futures einer verwandten Gütergattung
umzusetzen, lässt sich der Ausfall in einer bedürftigen Gattung zwar
technisch leicht auf eine andere überwälzen. Allerdings, wie sich im
weiteren Verlauf der Darlegung herausstellen wird, hat diese Methode
durchaus ihre Schwachstelle, auf die der Absicherer aufmerksam sein
muss. So käme beispielsweise als ein natürlicher Anwärter, der für Kerosin-Futures
einen adäquaten Ersatz verheißt, ein Futures auf einen anderweitigen
Brenn- oder Treibstoff, wie z.B.
ein Heizöl-Terminkontrakt ("heating
oil futures") der Terminbörse New York Mercantile Exchange
(NYMEX, eine Abteilung der
CME Group)
in Betracht. Ein Pauschaleindruck von der tatsächlichen Stärke der Kongruenz
historischer Kursverläufe in beiden Märkten lässt sich auf einer ersten
Stufe nun sehr leicht aus einem Chartbild gewinnen, das die betreffenden
Märkte in einer Gegenüberstellung zeigt. Ist nach einer prüfenden Sichtung
derselben ein positiver Zusammenhang der Marktentwicklungen dem bloßen
Augenschein nach unverkennbar festzustellen, folgt in einem nächsten
Schritt die Messung des Grades der Übereinstimmung der Kursverläufe
mithilfe bewährter statistischer Methoden, gewöhnlich mittelst einer
Regressions- und Korrelationsanalyse. Sofern hierbei das erklärte Ziel
der Hedge-Operation darin besteht, das Preisrisiko möglichst vollständig
auszuschalten ("full hedge"; "risk-avoidance"), ist in
diesem Abschnitt aus allen zur Auswahl stehenden Futures-Märkten jener
Markt als der brauchbarste herauszugreifen, der mit Blick auf den vorgesehenen
Aufhebungszeitpunkt die Varianz des Hedge-Postens als Ganzes zu minimieren
die Kraft hat.*
[* Vgl. auch die
Erläuterungen zum Hedge-Quotienten
und zur Regressionsanalyse
der nächsten Seite.]
Wie im
Folgenden noch darzulegen ist, ist eine in Gestalt eines Cross-Hedge
bewerkstelligte Umsetzung eines Kurssicherungsgeschäftes in aller Regel
erkauft mit der Übernahme eines erhöhten (volatileren)
Basisrisikos. Grund hierfür sind
unterschiedlich elastische Preisdeterminanten. Um diesem Nachteil bei
der Vornahme eines Cross-Hedge möglichst wirksam entgegenzusteuern,
kann versucht werden, durch eine entsprechende Gewichtung der Anzahl
einzusetzender Futures-Kontrakte ("hedge ratio")
das zu tragende Basisrisiko zwar auf den Boden eines nicht mehr vermeidbaren,
gleichwohl noch annehmbaren Maßes herabzudrücken.
Zu
konstatieren ist, dass ein signifikanter statistischer Preiszusammenhang
in der Vergangenheit lediglich eine als notwendig erachtete Voraussetzung
für die Einrichtung eines effizienten Cross-Hedge darstellt. Als qualifizierte
Bedingung, die denn auch den schließlichen Ausschlag bei der Entscheidungsfindung
zugunsten eines unter mehreren vorgegebenen, alternativ in Erwägung
gezogenen Futures geben wird, bedarf es einer fundierten ökonomischen
Verbindung zwischen Basisinstrument des Futures ("underlying") und dem
abzusichernden Marktgegenstand. Denn nur auf einer solchen Grundlage
darf mit einiger Verlässlichkeit eine Aufrechterhaltung der empirisch
beobachteten (Ex-post-)
Wechselbeziehung der Preise auch für die Zukunft angenommen werden.
Im Falle der beiden Brennstoffe Kerosin und Heizöl kann i. Allg. ein
relativ stabiler ökonomischer Zusammenhang unterstellt werden. Endgültigen
Aufschluss über die Tauglichkeit eines Futures für den vom Kurssicherheit
Suchenden gewünschten Zweck vermag letztlich nur eine ganzheitliche
Analyse des historischen als auch des aus Prognosen gewonnenen Datenmaterials
vor dem Hintergrund des gegenwärtig herrschenden ökonomischen Umfelds
unter Beachtung des Grades der persönlichen Risikoaversion zu verschaffen.
Gewiss mag es dem einen oder anderen nach dem eben Gesagten denkbar
und praktikabel erscheinen, in Ermangelung eines gleichartigen Underlying
gegebenenfalls eine weitere, mit dem Preisverlauf des Stammgeschäfts
gleich ausgerichtete Position aufzubauen, die eine preislich möglichst
stark negative Korrelation mit dem zu sichernden Marktgegenstand
aufweist. Hierbei handelt es sich faktisch jedoch nicht mehr um eine
kompensatorische Vorsorgemaßnahme in Form eines Hedgegeschäfts, sondern,
methodisch analog zur Theorie
der Wertpapiermischung, um eine Diversifikation*.
[* Beim "composite
hedge" macht man sich die portfoliotheoretische Diversifikationseigenschaft
insofern zunutze, als mehrere verschiedene Futures als Hedge-Instrument
gemischt in ihrem Zusammenwirken zwar das Preisrisiko senken, den zu
hoffenden Gewinn hingegen unangetastet lassen.]
Im Folgenden sei der Frage nachgegangen: Auf welche Weise lässt sich
ein Cross-Hedge mit praktischem Nutzen umsetzen und wie schlägt sich
das hierbei erzielte finanzielle Ergebnis letztlich in Zahlen nieder?
Abermals
mag ein einfacher Beispielsfall den vorliegenden Sachverhalt
versinnlichen:
Die Leitung einer Fluggesellschaft plant in Vorbereitung
auf die kommende Urlaubszeit im März des Jahres (t0) für
den darauffolgenden Juli (t1) die Beschaffung einer ganz
bestimmten Menge Kerosins. Angesichts der Unsicherheit über die künftige
Marktpreisentwicklung fasst das Finanzmanagement der Gesellschaft nach
sorgfältiger Bedenkung aller Umstände den Beschluss, sich bis zu diesem
Zeitpunkt mittels eines Long-Hedge (Sicherungskauf) gegen potenziell
steigende Flugbenzinpreise abzusichern (Input-Preisrisiko). Als
ein tauglicher Markt für die Umsetzung des Hedge wurde der Heizöl-Terminmarkt
der
New York Mercantile Exchange (NYMEX, eine Sektion der CME
Group) identifiziert ("cross-hedge"). Im März (t0)
kostet eine Gallone
Kerosin 55 US-Cent, eine Gallone Heizöl schlägt mit 54 US-Cent zu Buche,
und der betrachtete Juli-Heizöl-Futures wird an der Terminbörse NYMEX
gleichzeitig mit 56 US-Cent notiert.
Im Rahmen der unternehmerischen Vorausschaurechnung
wurden vom Finanzmanagement außerdem noch zwei weitere Alternativen
bei der Beratschlagung in den Kreis der Erwägungen gezogen, welche aber
nach Befund der Umstände letztendlich sämtlich als unpraktisch, unrentabel
oder ungeeignet beiseite gelassen wurden, so nämlich: a.) die Beschaffung
des nötigen Quantums Kerosin schon in t0 mit einer daran
schließenden Einlagerung desselben (unter Inkaufnahme der Haltekosten
"cost of carry") bis
t1, sowie b.) bis auf weiteres die Verzichtleistung auf ein
Hedgegeschäft in Erwartung nochmals fallender Preise am Spotmarkt für
Kerosin.
Es sei im Folgenden nun angenommen, dass der Cross-Hedge
unter Zugrundelegung der eben genannten Marktpreise wie vorher beschlossen
in die Tat umgesetzt wird, und weiter, dass daraufhin der Kerosinpreis
bis in den Juli (t1) auf 61 US-Cent pro Gallone steigt. Ein
annähernd gleichförmiger Wertverlauf bei Heizöl vorausgesetzt, mag den
Preis pro Gallone Heizöl derweil auf ein Niveau von annahmegemäß 60
US-Cent hieven. Der Juli-Heizöl-Futureskurs möge parallel dazu in t1
bei 60,5 US-Cent liegen.
Zur Berechnung
des Anschaffungspreises einer Gallone Kerosins, den die Fluggesellschaft
unter Anwendung eines Cross-Hedge auszulegen hat, sei der nachfolgende
Ausdruck herangezogen:
Einstandspreis
= Spotpreis Kerosin in t1 + "Ergebnis aus dem Futures-Geschäft",
"Ergebnis
aus dem Futures-Geschäft" heißt hier: Heizöl-Futureskurs in t0
– Heizöl-Futureskurs in t1.
Die Zahlen
aus dem Beispiel eingesetzt ergibt:
61 Cent +
(56 Cent – 60,5 Cent) = 56,5 Cent.
Ergebnis: Die Fluggesellschaft zahlt für die Gallone Kerosin
unter Berücksichtigung des Hedgegeschäfts lediglich 56,50 US-Cent
statt 61 US-Cent.
Man
hat sich hierbei vor Augen zu halten, dass das Basisrisiko im Falle
eines Cross-Hedge im Vergleich zu einem "direct
hedging" mitunter einen durchaus stattlichen Umfang annehmen kann.
So wird das Basisrisiko beim "cross-hedging" im Allgemeinen umso
größer werden (und damit Hand in Hand der Absicherungserfolg umso
unsicherer sein), je weiter die qualitative Disparität zwischen
dem Gut des Grundgeschäftes und dem standardisierten Marktgegenstand
des Futures-Kontrakts auseinanderfällt. Zur Erläuterung:
Durch
Umstellung des obigen Ausdrucks erhalten wir:
Heizöl-Futureskurs
in t0 + (Heizöl-Spotpreis in t1 – Heizöl-Futureskurs
in t1) + (Kerosin-Spotpreis in t1 – Heizöl-Spotpreis
in t1).
Wie man aus dem vorstehendem Ausdruck leicht ersieht, summiert sich
das Basisrisiko beim Cross-Hedge offenbar aus zwei zu unterscheidenden
Bestandteilen: einerseits – dem "direct hedge" analog – aus der Differenz
zwischen Heizöl-Spotpreis in t1 und Heizöl-Futurespreis in
t1 (dies entspricht der 1. Komponente der Basis) und andererseits
– zusätzlich – aus der Differenz zwischen den Spotpreisen der
involvierten Güterarten in t1 (was der 2. Komponente der
Basis entspricht).
Nach einer
Probe getreu den Zahlen unseres Beispiels erhalten wir in Anwendung
des vorgenannten Ausdrucks abermals:
56 Cent
+ (60 Cent – 60,5 Cent) + (61 Cent – 60 Cent) = 56,5 Cent. Der
Einstandspreis beträgt vor wie nach 56,5 US-Cent je Gallone Kerosin.
Fazit: Eine möglichst nutzbringende Anwendung eines "indirekten
Hedge" ("cross hedge") erfordert zu allem Anfang die Identifizierung
eines passenden Futures, der als Vertretung herangezogen sich für den
Zweck eines Sicherungsinstruments tauglich erweist. In der Geschäftspraxis
eines vorzunehmenden Hedge indessen ermangeln, wie sich immer wieder
zeigt, die real anzutreffenden Futures-Märkte bisweilen strukturell
mit dem Hedge-Objekt übereinstimmender Marktgegenstände. Die Aufgabe
des Absicherers besteht dann notwendig darin, die Eignung jedes einzelnen
alternativ zur Verfügung stehenden Terminmarktes als Hedge-Instrument
der Reihe nach auf die Probe zu stellen. Grundsätzlich ist hierbei zu
beachten, dass die Qualität eines Hedge steht und fällt mit der sich
künftig einspielenden Korrelation zwischen Cash- und Futureskursen.
Doch selbst im Falle einer exakten Übereinstimmung der Fälligkeitszeitpunkte
von Futures und Grundgeschäft bleibt beim Cross-Hedge naturgemäß ein
auf die Heterogenität der Marktgegenstände zurückzuführendes verstärktes
Restrisiko zurück.
Demnach
wird der sich einstellende Erfolg oder Misserfolg jedes Hedgegeschäftes
maßgeblich von der tatsächlichen Entwicklung der Basis bestimmt, welcher
sich beim Cross-Hedge aber eine zweite, zusätzliche Komponente anheftet.
Zwar kann infolge der Existenz eines allgemeinen Basisrisikos sich die
finanzielle Position des Cross-Hedgers ebenso wie beim "direct hedge"
verbessern oder verschlechtern; denn bekanntlich gilt: Wenn im Falle
eines Short-Hedge sich die
Basis verstärkt, verbessert sich die finanzielle Position des Hedgers,
während sie sich bei Abschwächung der Basis verschlechtert. Für einen
Long-Hedge wiederum ist das gerade Gegenteil zutreffend. Der essentielle
Unterschied liegt aber darin, dass der Kurssicherheit Suchende im Falle
eines Cross-Hedge einen Risikozuschlag in Form eines additionellen Basisrisikos
hinzunehmen hat. Beim Cross-Hedge kommt somit umso mehr der zutreffenden
Einschätzung der künftigen Entwicklung der Basis das entscheidende Gewicht
für den Erfolg des Hedgegeschäftes im Ganzen gesehen zu.
Hält man
abschließend alles zur Absicherung von Risiken in unvollständigen Märkten
unter Anwendung eines Cross-Hedge Gesagte in wenigen Worten zusammen,
so kommt man zur gleichen Schlussbetrachtung, die schon an anderer Stelle
zum Ausdruck gebracht worden ist: Der Futures verwendende Hedger
tauscht das ursprünglich vorhandene Preisrisiko gegen das mit Hedging
einhergehende Basisrisiko. Hedging reduzieren das Ausmaß an Unsicherheit
gegenüber einer ungesicherten Position (dem Preisrisiko des Grundgeschäfts)
nachhaltig mit der gern gesehenen Folge, dass das Kerngeschäft des Absicherers
auf eine verlässlichere und festere Kalkulationsgrundlage zu stehen
kommt.
Im
folgenden Kapitel geht es
um die Frage, wie viele Futures-Kontrakte rationellerweise in einem
Hedge einzusetzen sind, um solchermaßen das
Preisrisiko aus
dem Grundgeschäft zielkonform zu steuern.
|