Grundzüge der
Portfoliotheorie
Die auf
Harry M. Markowitz zurückgehende
Portfoliotheorie von März 1952* ("portfolio selection
theory") basiert auf der Erkenntnis, dass Investoren durch eine
geschickt bewerkstelligte Mischung risikobehafteter Wertpapiere (typischerweise
in Aktien) – also durch Bildung von Portefeuilles** – ein damit
zu tragendes Risiko von Extremverlusten herabmindern können gegenüber
einzelnen, isoliert gehaltenen Finanzanlagen, ohne dabei in Hinsicht
auf Renditeerwartungen sich mit weniger zufrieden geben zu müssen (Verteilung
des Risikos, "Risikostreuung"). Die sachliche Kernfrage der Portfoliotheorie,
zu deren Lösung sie die Anleitung zu geben sucht, lautet demgemäß: Wie
lässt sich ein solches, oft aus einer Vielheit verschiedener Wertpapiergattungen
zu bildende, optimale Portefeuille
für einen rational handelnden Investor auf systematische Weise ermitteln?
– Mit der Beantwortung dieser Frage soll gleichzeitig eine auch im praktischen
Wirtschaftsleben umsetzbare Handlungsempfehlung für eine vernünftige
(objektiv situationsgerechte) Kapitalanlageplanung unter dem Risikoaspekt
gegeben werden.
[* Portfolio Selection,
The Journal of Finance, Vol. 7, Nr.1, März 1952]
[**
Portefeuille von frz. porter,
»tragen« und feuille, »Blatt«, dt.: Brieftasche; heutzutage genießt
der Name "Portfolio" den allgemeinen Vorzug. – Ein Portfolio lässt sich
als gedankliche Einheit aller platzierten Geld- und Kapitalanlagen eines
Wirtschaftssubjekts auffassen. In diesem Sinne handelt es sich auch
dann um nur ein Portfolio,
wenn von ein und derselben Person bzw. Organisation zwei oder mehr getrennt
voneinander gehaltene
Wertpapierdepots
unterhalten werden oder diese zumindest ihrer Disposition unterworfen
sind.]
Da die
Kapitaldispositionen der Marktteilnehmer vielfach zugleich eine wichtige
Determinante der Finanzierungsmöglichkeiten von Unternehmungen bilden,
liegt es in der Natur der Sache, dass der Portfoliotheorie in der Wirtschaftspraxis
auch in unseren Tagen noch in vielen Belangen eine zentrale Stellung
zukommt. Ohne Zweifel aber gehört sie damit nach wie vor zu den grundlegenden
Ansätzen jeder betriebswirtschaftlichen Investitionsprogrammplanung
und Finanzierungspolitik unter Berücksichtung des Unsicherheitselementes.
Überdies bildet sie den Grundpfeiler und Ausgangspunkt für die jüngere
Kapitalmarkttheorie, zumal für ihr Grundmodell, das unter dem Titel
Capital Asset Pricing Model
(CAPM) eine herausragende Bedeutung erlangt hat.
Der Leitgedanke
des Verfahrens zur Portfolioauswahl, unter Wahrung der Chancen auf Vermögensgewinne
durch Investitionsmischung Unsicherheiten zu verringern, lässt sich
im Wesentlichen übertragen auch auf andere riskobeladene wirtschaftliche
Handlungsmöglichkeiten jenseits der Zusammenstellung des optimalen Investitions-
und Finanzierungsprogramms: So können die Erkenntnisse der Portfoliotheorie
sich nicht nur bei der Geldanlage in Wertpapieren, sondern beispielshalber
auch in Industrieunternehmungen, etwa bei der Auswahl des am meisten
zu empfehlenden Produktions- und Absatzprogramms unter Unsicherheit,
durchaus als fruchtbar erweisen.
Die moderne
Portfoliotheorie gehört zu den quantitativen Methoden des Wertpapiermanagements.
Unter den zahlreichen Möglichkeiten der Risikoerfassung greift die Portfoliotheorie
auf ein Entscheidungsprinzip unter Unsicherheit zurück, das mit dem
Namen μ/σ-Prinzip (Erwartungswert-Streuungsregel) in das akademische
Schrifttum eingegangen ist. Erst unter der Annahme nämlich, dass das
Risiko einer Investition sich quantitativ präzise ermitteln lässt und,
wie weiter angenommen, in der Standardabweichung (σ) der Renditen
um den Erwartungswert (μ) ihrer als bekannt vorausgesetzten Renditeverteilung
zu messen sei, wird eine methodische Annäherung an einen Lösungsansatz
in der Frage der optimalen Portefeuillebildung überhaupt möglich.
Die
Anwendung der Entscheidungsregel nach den beiden Zielgrößen Erwartungswert
und Streuung (μ/σ-Prinzip) auf Portfolioentscheidungen erfordert mithin
eine eindeutige Charakterisierung jedes zur Auswahl stehenden Wertpapiers
durch zwei verschiedene Parameter:
–einen "Gewinnwert", wie
eben den Erwartungswert der Rendite μ, und
–eine Maßzahl für das "Risiko",
wie die statistische Standardabweichung σ (bzw. Varianz σ²) vom
Erwartungswertμ.
Investoren
bewerten sonach nicht die gesamte Wahrscheinlichkeitsverteilung der
möglichen Renditen eines Wertpapiers, sondern greifen stattdessen stellvertretend
auf die Parameter μ und σ zurück, wodurch sich ihre Kalküle um ein erhebliches
vereinfachen. Sollen dabei aus der ursprünglichen Wahrscheinlichkeitsverteilung
keine Informationen verloren gehen noch auch entscheidungstheoretische
Plausibilitätsannahmen verletzt werden, so stellt dies besondere Anforderungen
an die Vorgehensweise: Investitionsentscheidungen sind im Rahmen der
Portfoliotheorie durchweg auf der Grundlage einer quadratischen Bernoulli-Nutzenfunktion
und/oder einer ganz bestimmten algebraischen Form der Verteilung, wie
sie z.B. normalverteilte Renditen
hervorbringen, zu treffen. Darüber hinaus beruht das Grundmodell der
Portfoliotheorie auf den folgenden konkreten Annahmen:
-
Der
Planungszeitraum T beträgt genau eine Periode (T = 1), z.B.
ein Kalenderjahr.
-
Es werden ausschließlich und ausdrücklich monetäre Konsequenzen
in den Kalkül einbezogen. Investoren verfügen über eine vorgegebene
Anfangsausstattung an Verwertung suchenden finanziellen Mitteln
("Budget"), welche sie in einem einzigen Zeitpunkt
t=0, dem Anfang der Planperiode,
restlos auf den Erwerb von Wertpapieren auslegen. Die Zahl der zur
Auswahl stehenden Wertpapiere ist eine fest vorgegebene Konstante.
Der Wiederverkauf der in t = 0 erstandenen Papiere erfolgt zu einem
späteren Zeitpunkt t = 1, dem Ende der Planperiode. Die Anschaffungsausgaben
für die einzelnen Wertpapiere sind mit Sicherheit bekannt; den aus
den bezogenen Dividenden und Verkaufserlösen bestehenden einmaligen
Einnahmen am Ende des Handlungsintervalls können indes nur subjektive
Wahrscheinlichkeiten p zugeschlagen werden. Der mathematische Erwartungswert
der Rendite μ der riskobehafteten Wertpapiere steht damit von selbst
im Range einer Zufallsvariablen.
-
Alle zur Disposition stehenden Wertpapiere sind ohne Ausnahme bis
in die kleinsten Quantitäten herab beliebig teilbar. Der Kapitalanleger
kann sonach, falls erforderlich, etwa den Bruchteil eines Cent in
jede der Aktien investieren. Transaktionskosten und Steuern bleiben
bei alledem ausgeklammert.
-
Dem Wahlverhalten der Investoren sei unterstellt, dass diese bei
gleicher Renditeerwartung derjenigen Alternative den Vorzug geben,
deren Risiko, gemessen in der statistischen Standardabweichung σ,
unter allen das geringste ist (Risikoaversion, Sicherheitspräferenz):
Es ist dies ohne allen Zweifel stichhaltig; so mangelt es denn auch
dem Wirtschaftsleben nicht an Erfahrungsbelegen, dass Risikoscheu*
der augenscheinlich vorherrschende Grad der Wagelust ist. Überdies
sind Investoren annahmegemäß rational in dem Sinne, dass sie bei
gleichem Risiko eine höhere erwartete Rendite weniger hohen erwarteten
Renditen vorziehen ("Renditemaximierung als Endvermögensmaximierung").
[* Das
Prinzip der Risikoscheu sagt
aus, dass nur dann ein höheres wirtschaftliches Risiko übernommen wird,
wenn ihm gegenüber ein angemessener Vorteil in Aussicht steht. Eine
Investition wird dem angerufenen Prinzip nach also nur dann durchgeführt
werden, wenn abzusehen ist, dass die erwartete Rendite im Verhältnis
zu ihrem Risiko überverhältnismäßig groß anschlägt. Mit Risikoscheu
wird also keineswegs mangelndem Wagemut oder zaghaftem Unternehmergeist
das Wort geredet!]
Die Rendite r eines Wertpapiers
i berechnet sich nach der Formel:
ri = (S1
+ D – S0) / S0 ,
mit: S0 = Kurs des Wertpapiers im Erwerbszeitpunkt t = 0
(Einstandskurs), S1 = Kurs des Wertpapiers im Zeitpunkt t
= 1, und, D = Nettoertrag aus dem Papier, hauptsächlich in Gestalt von
Dividenden, Bezugsrechten u.dgl.,
gewendet auf den Zeitpunkt t = 1.
Angenommen,
ein Investor habe sich konkrete Vorstellungen davon gemacht, in welcher
Höhe die zu erwartenden Renditen und Risiken von mehreren zur Wahl stehenden
riskanten Wertpapieren anzuschlagen seien (was prinzipiell die Kenntnis
ihrer jeweiligen Wahrscheinlichkeitsverteilung voraussetzt). Sein Plan
sieht nun vor, eine anfänglich zur Verfügung stehende Investitionssumme
im Ganzen auf die in Betracht gezogenen Wertpapiere zu verausgaben.
Es stellt sich somit die Frage: Wie soll ein risikoscheuer Investor,
der seine Entscheidungen vollständig auf der Grundlage des μ/σ-Prinzips
trifft, verfahren, um eine vorzunehmende Diversifikation in optimaler
Weise zu gestalten?
Die Lösung
des Problems erfolgt nach einem dreistufigen Planungsansatz: In einem
ersten Schritt wird die Menge der zulässigen Portefeuilles ermittelt
("feasible set"), daraus dann in einem nächsten Schritt die Teilmenge
der für risikoaverse Investoren effizienten Portefeuilles ausgewählt,
und schließlich wird aus dieser Teilmenge das für den individuellen
Anleger optimale Portefeuille bestimmt. Als zulässig kommen allein solche
Portefeuilles in Betracht, in denen der anzulegende Kapitalbetrag zur
Gänze investiert ist.*
[* Sollte es bei
der Aufteilung der finanziellen Mittel auf verschiedene Wertpapiergattungen
zu negativen Portefeuilleanteilen bei einzelnen Papieren kommen ("Leerverkäufe",
"short sales"), insofern das Modell diese Prämisse – entgegen
dem ursprünglichen Modell Markowitzs – überhaupt einräumt, so
lassen diese sich ökonomisch als risikobehaftete Finanzierungsmöglichkeiten
interpretieren.]
Die
erwartete Rendite einer Aktie
i, symbolisiert durch μi,
berechnet sich nach bekannten statistischen Regeln der mathematischen
Erwartung wie folgt:
μi
= ∑ pz
riz
,
mit ∑ : Summensymbol, wobei unter der Summe alle Zustände z des Möglichkeitsraums
laufen sollen, p : Wahrscheinlichkeit jedes Zustandes z, und, i : Aktie
i. Die erwartete Rendite eines Kapitalauslage stellt sich dar als die
Summe aller aus ihren möglichen Renditeausprägungen und den beizuzählenden
Wahrscheinlichkeiten gebildeten Produkte.
Die
Varianz der erwarteten Renditen
eines Wertpapiers i, symbolisiert durch
σi², ergibt sich
grundlegenden statistischen Regeln gemäß aus der Formel:
σi²
= ∑ pz (riz
– μi)²
. Die Standardabweichung σi kommt der Wurzel aus σi²
gleich.
Die erwartete
Rendite eines Portefeuilles μp
entspricht der mit ihrem Anteil am Portefeuille gewichteten Summe der
erwarteten Renditen der einzelnen in ihm enthaltenen Wertpapiere:
μp
= ∑ xi
μi
, mit i = 1 .... n, wobei gilt:
∑ xi = 1 bzw. = 100
%.
Die einzelnen Variablen seien wie folgt bezeichnet: ∑ : Summensymbol;
i: Aktie i, wobei i = 1 ... n im n-Aktien-Fall; xi: prozentualer
Anteil des Ausgangsbudgets, der in Aktie i investiert sei (wobei die
Summe aller Auslagen das Ausgangsbudget ganz erschöpft), und, μi:
erwartete Rendite der Aktie i.
Für das Portefeuillerisiko, gemessen in der Portfolio-Standardabweichung
σp, gilt die Aussage: Das Risiko eines Portefeuilles
σp ist abhängig von den Varianzen der Renditen der einzelnen
zu mischenden Wertpapiere (auch als Dispersion oder Streuung
bezeichnet), ihren Kovarianzen (bzw. den Korrelationen; Korrelationen
von +1 und
–1 werden indes für alle Wertpapiere
a priori ausgeschlossen) und den Anteilen, mit denen einzelne
Wertpapiere im Portefeuille vertreten sind:
σp = [∑
xi² σi² + ∑
∑ xi xj
σij]½
.
Die Summierung erstreckt sich im n-Aktien-Fall auf alle i- und j-Werte
von i bzw. j = 1 .... n, wobei gilt: i ≠ j. Die Kovarianz der Renditen
der Aktie i und der Aktie j ist hierbei durch
σij
symbolisiert. Dieser Ausdruck lässt sich alternativ auch folgendermaßen
schreiben:
σp = [∑
∑ xi xj
σij]½
, wobei die Summierung wiederum über alle einbezogenen n Aktien
läuft.
Da
bei der Kapitalsanlage aus unterschiedlichsten Ursachen Verlustgefahren
drohen und ökonomische Unsicherheitsursachen sich nicht zu allen Zeiten
auf alle Wertpapiere vollkommen gleich und ebenmäßig auswirken, ist
das Portefeuille-Risiko auch nicht einfach nur eine Addition seiner
Einzelrisiken. Entspräche das Risiko eines Portefeuilles generell seinem
Durchschnittsrisiko, wäre eine Portefeuillebildung für risikoscheue
Investoren eine wenig interessante Sache. Alle finanziellen Mittel wären
alsdann in jene Aktie zu investieren, deren erwartete Rendite im Verhältnis
zu ihrem wahrgenommenen Risiko die höchste ist.
Sind
indessen die Renditen der einzelnen ein Portefeuille konstituierenden
Aktien stochastisch in weitem Maße voneinander unabhängig, so hat dies
eine spürbare Reduzierung des Portefeuille-Gesamtrisikos zur naturgemäßen
Folge, zumal dann, wenn die Zahl der in einem solchen enthaltenen Aktiengattungen
hinlänglich groß ausfällt. Die Gefahr, dass alle Vermögenswerte eine
negative Entwicklung zugleich vollziehen (bis hin zu einem Totalverlust),
schwindet hierdurch merklich. Ein durch geschickte Einteilung von Anlagemitteln
erzeugtes Portfolio geht sonach mit einem geringeren konsolidierten
Risiko einher als es in der Summe seiner Einzelrisiken zum Ausdruck
kommt. Durch Bildung von Portefeuilles bleibt ein damit zu tragendes
Risiko, außer im Extremfall vollkommen positiver Korrelation zwischen
den Renditen der einzelnen Wertpapiere, im Resultat stets hinter dem
mit den Portefeuille-Anteilen gewogenen Mittel der Standardabweichungen
der einzelnen Wertpapiere zurück. Der auf diese Weise bewirkte Diversifikationseffekt
lässt sich durch Aufnahme von negativ korrelierten Wertpapierarten in
das Portfolio sogar nochmals verstärken. Unter Vorherrschaft von Risikoaversion
besteht die Aufgabe eines rational entscheidenden Investors, der durch
Streuung von Anlagemitteln eine Risikoreduktion herbeizuführen sucht,
folglich darin, Mischungen von Wertpapieren aufzufinden, bei denen sich
möglichst niedrige Korrelationen einstellen, und nicht etwa darin,
eine Auswahl von Aktien mit möglichst geringen Einzelrisiken zusammenzubringen.
Um die
geschilderten Zusammenhänge auch grafisch zu veranschaulichen, wird
zunächst jedes der zulässigen Portefeuilles durch einen Punkt in einem
μ/σ-Diagramm abgebildet, dessen Risikowert σ, wie üblich, an der Abszisse
und dessen Gewinnwert μ an der Ordinate abgetragen wird. Auf einer folgenden
Stufe wird die Gesamtheit der vorliegenden Portefeuilles aufgeteilt
in effiziente und ineffiziente Portefeuilles.

Abbildung: Portfoliolinie, effiziente
Portfolios (grünfabiger Linienabschnitt) und ineffiziente Portfolios
Ein Portefeuille heißt effizient, wenn es kein anderes Portefeuille
gibt, das entweder bei gleichem σp ein höheres μp
oder bei gleichem μp ein niedrigeres σp aufweist.
Aus leicht begreiflichen Gründen ist jedem effizienten Portefeuille
somit auch jedes Portefeuille von zugleich höherem μp und
niedrigerem σp fremd. Effizient ist ein Portefeuille also
immer dann, wenn kein anderes zulässiges Portefeuille existiert, das
nach dem μ/σ-Prinzip eindeutig besser (dominant) ist. Man erhält die
Menge an effizienten Portefeuilles, indem man der Reihe nach die das
Risiko minimierenden Anteile der zu mischenden Wertpapiere am Gesamtportfolio
für alle in Frage kommenden Renditeerwartungen ausrechnet. Hierzu sind
entsprechende mathematische Aufgaben der quadratischen Programmierung
zu lösen*. Die durch Minimierung der Zielfunktion gefundenen
Portefeuilles liegen dargestellt in einem μ/σ-Diagramm sämtlich auf
einer streng mathematisch "guten" Kurve der Investitionsgelegenheiten:
der sogenannten Effizienzlinie ("efficient frontier"),
graphisch zwischen dem Portfolio mit dem maximalen Ertrag an dem einen
und dem Portfolio mit dem minimalen Risiko am anderen Ende auf der Peripherie
(in der obigen Abbildung grünfarbig hervorgehoben).
[* Um an dieser
Stelle nicht in Formalismen zu rechentechnischen Fragen einer Optimumsbestimmung
steckenzubleiben, sei für mathematische Details sich interessierende
Leser auf die zahlreiche akademische Literatur verwiesen, wo solche
formalen Modellierungen säuberlich und haarklein dargelegt sind.]
Die
sachliche Bedeutsamkeit der Effizienzlinie liegt nun entschieden darin,
dass beim Ausschau halten nach dem optimalen Portefeuille alle anderweitigen
(inferioren) Portefeuilles, die ihren Platz auf der Isoquante nicht
haben, aus der Betrachtung verschwinden. Diese lassen sich sogleich
als erkennbar ungeeignet ausschließen, was die endgültige Auslese um
ein Beträchtliches erleichtert.
Übertragen
auf den praktischen Anwendungsfall eines Investors, der überlegt, auf
welche Weise er sein Kapital auf die ihm offenstehenden Anlegemöglichkeiten
verwenden soll, heißt dies: Zwar trifft er, wie jeder rational Entscheidende,
seine Anlagedisposition auf der Grundlage des Modells der Portfolioauswahl;
rücksichtlich der auf die einzelnen zur Auswahl offenstehenden Investitionsgelegenheiten
zu verteilenden Geldbeträge jedoch wird er Summen nur in einer solchen
Höhe auslegen, die in seiner persönlichen Einstellung gegenüber dem
Risiko ihr richtiges Maß finden. Mit diesem Vorgang liegt zugleich auch
die Endauswahl fest, welche Aktien mit welchem Gewicht im Portfolio
vertreten sind.
Der individuelle
Grad der Risikoscheu der Investoren schlägt sich im μ/σ-Diagramm in
einem unterschiedlichen Verlauf einer sog. Indifferenzkurvenschar nieder.
Als Indifferenzkurve bezeichnet man Kombinationen von μ und σ, die den
gleichen Risiko-Nutzen stiften. Bei gegebener individueller Risikopräferenzfunktion
erfährt das optimale Portefeuille unter den gesetzten Modellannahmen
letztlich vom Berührungspunkt der Indifferenzkurvenschar mit der Effizienzlinie
seine eindeutige Bestimmung.
Sowie
sich den Kapitalanlegern eine zusätzliche Anlage- und Verschuldungsmöglichkeit
darbietet, welche zu einem im Vorhinein feststehenden Satz ("pure
rate") eine zuverlässige Kapitaldisposition für jede beliebige Summe
zulässt, ist die Bildung von Portefeuilles aus risikobehafteten Investitionsobjekten
keine Sache des persönlichen Geschmacks mehr, wenn das Wahlverhalten
nicht gegen Rationalitätsannahmen verstoßen soll. Das einzige Portefeuille,
das unter den vorgedachten Modellverhältnissen nunmehr die Existenz
dominanter Positionen ausschließt, ist allein das Tangentialportefeuille,
also jenes Portfolio, das im μ/σ-Diagramm durch den Punkt auf der ursprünglichen
Effizienzlinie riskanter Wertpapiere repräsentiert wird, welcher von
der vom Sicherheitszins ausgehenden Tangente berührt wird. Kein anderweitiges
kann seinem Eigner jetzt noch einen größeren Nutzen stiften. Alle
nicht dominierten (und darum effizienten Misch-) Portefeuilles finden
sich ohne Ausnahme auf dieser Tangente zusammen. Anders gewendet: Jede
effiziente Mischung ist unter den hier vorausgesetzten Prämissen eine
Kombination aus dem Tangentialportefeuille und der sicheren Anlage-
und Verschuldungsmöglichkeit. Die Struktur des in jeder effizienten
Mischung beschlossenen Portefeuilles der ausschließlich mit Risiko behafteten
Wertpapiere bleibt somit immer die gleiche; sie ist insbesondere
unabhängig davon, welche Position ein Investor nach seinen individuellen
Verhältnissen letzten Endes auf der Effizienzgeraden im μ/σ-Diagramm
einzunehmen plant und damit in letzter Hand auch unabhängig vom Grad
der Risikoaversion (Tobin-Separation*). Im einem nächsten
Schritt wird der Investor, je nach Ausmaß seiner Risikoscheu, die in
das auf der Effizienzlinie gefundene Portefeuille investierten Mittel
mit Anlagemitteln zum Sicherheitszinssatz kooperieren lassen, diese
aber auch, sofern er das Risiko weniger scheut, mit Verschuldung zum
Sicherheitszinssatz zusammenbringen.
Der hier
vorgestellte modelltheoretische Ansatz der Geldanlageplanung trägt in
wissenschaftlichen Texten den Namen "Separationstheorem" deswegen,
weil sich das Entscheidungsproblem zur optimalen Wertpapiermischung
dem Prinzip nach in zwei Phasen trennen lässt:
-
Die
Bestimmung der Zusammensetzung des optimalen Portefeuilles, welches
unabhängig vom Ausmaß der Risikoaversion des Investors ist, und
-
die
Kombination dieses Portefeuilles mit zuverlässiger Anlage (oder
Verschuldung) unter Berücksichtigung der persönlichen Risikoeinstellung.
[* James
Tobin wurde 1981 mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften
("Wirtschaftspreis") ausgezeichnet.]
Die normative Portfoliotheorie
liefert in konsistenter Weise Antworten auf die Fragestellung, wie risikoscheue
Investoren, die nach Erwartungswert und Streuung entscheiden (d.
h. sich am μ/σ-Prinzip orientieren), sich vernünftig verhalten
können. Sie macht deutlich, dass und unter welchen Umständen sich durch
Mischung von Investitionsobjekten Risiken vernichten lassen. Neben der
oben skizzierten Problematik aus entscheidungstheoretischer Sicht führt
die Anwendung des μ/σ-Prinzips auf reale Entscheidungssituationen aus
folgenden Gründen zu gewissen Verwicklungen, welche die Nutzanwendung
der Portfoliotheorie im Tatsächlichen eng begrenzen:
-
Eine gewisse Komplikation
bei der praktischen Verwertung des Modells ist in der Informationsbeanspruchung
zu erblicken: Für eine konsistente Berechnung der Portefeuilleanteile
benötigt man für sämtliche der darin einbezogenen Objekte nicht
nur die einzelnen Erwartungswerte und Standardabweichungen ihrer
künftigen Zahlungen, sondern auch all ihre Kovarianzen; bei n Objekten
gibt es allein n × (n – 1) / 2 Kovarianzen.
Mag es bei Wertpapieren durchaus noch angehen, die erforderlichen
Daten auf der Grundlage statistischer Berechnungen abzuschätzen,
so stößt ihre Ermittlung bei Sachinvestitionen auf schier unlösbare
Probleme.*
[* Eine
gewisse Abhilfe in der praktischen Umsetzung hierbei schafft die
Verwendung des Indexmodells
Sharps.]
-
Der Planungszeitraum bezieht sich auf lediglich eine Periode. Investitionen
wirken sich aber i. Allg.
über mehrere Perioden aus. Die Erweiterung des Modells auf mehr
als zwei Zahlungszeitpunkte würde aber eine erhebliche Komplizierung
bedeuten, und außerdem zu einem Ansteigen des ohnehin schon erheblichen
Datenbedarfs führen.
-
Das μ/σ-Prinzip setzt eine quadratische Risikonutzenfunktion der
Anleger und/oder eine bestimmte Form der Wahrscheinlichkeitsverteilung,
z.B. eine Normalverteilung
der Renditen sämtlicher Wertpapiere voraus. Empirische Untersuchungen
deuten hingegen bei risikotragenden Wertpapieren eher hin auf Verteilungen
mit gegen unendlich strebender Varianz bei höheren Dichten, zumal
für mittlere als auch für sehr hohe und sehr niedrige Renditen.
Überdies geben quadratische Nutzenfunktionen in der Empirie zu einigen
Bedenken Anlass; quadratische Nutzenfunktionen haben nämlich die
erfahrungswissenschaftlich höchst zweifelhafte Eigenschaft zunehmender
Risikoaversion bei steigenden Renditeerwartungen.
-
Das Separationstheorem wird im Falle der Sachinvestitionsplanung
kaum wirkliche Geltung beanspruchen können, weil hierzu beliebige
Teilbarkeit in einem noch geringeren Maße vorausgesetzt werden darf
als bei Wertpapieren.
Auch
wenn das Modell der Portfolioauswahl in seiner Grundform angesichts
überaus enger Anwendungsvoraussetzungen im groben betrachtet schwerlich
zu einem praktischen Einsatz angetan sein mag, so führt es doch die
wesentlichen Zusammenhänge, die bei der Wertpapierauswahl unter Unsicherheit
zu erwägen sind, in aller Deutlichkeit vor Augen: So wird die Bedeutung
der in den Kovarianzen zum Ausdruck kommenden stochastischen Abhängigkeiten
(Interdependenzen) zwischen den Investitionsobjekten klar erkennbar:
Bei der Beurteilung von Einzelprojekten ist demgemäß das in der Standardabweichung
gemessene Gesamtrisiko nicht ausschlaggebend, da es ein Leichtes
wäre, ein stattliches Quantum dieses Risikos (namentlich das "unsystematische
Risiko", das ist das einzelnen Aktien inhärente branchen- bzw. unternehmensspezifische
Risiko, welches im Übrigen bei isolierter Betrachtung regelmäßig überwiegt)
durch eine effiziente Mischung mit anderen Objekten zu vermeiden.
Von
Wesenheit ist dagegen das verbleibende Restrisiko: das sogenannte "systematische
Risiko", das auch als gesamtwirtschaftliches Risiko oder Markt-Risiko
bezeichnet wird und dem eine besondere Beachtung allein deshalb zukommen
muss, weil es sich in nichts durch Diversifikation eliminiert lässt
(wohl aber sich durch
Hedging gezielt kompensatorisch steuern lässt). Nur dieser Teil
des Gesamtrisikos eines untersuchten Investitionsobjekts liefert den
maßgeblichen Beitrag zum Risiko des gesamten Investitionsprogramms.
Das systematische Risiko wird quantitativ durch die Kovarianz bzw. das
Verhältnis von Kovarianz zur Varianz des Gesamtprogramms erfasst. Das
letztere (relativierte) Risikomaß heißt
Beta (β) und spielt
in der neueren Kapitalmarktgleichgewichts- und Finanzierungstheorie,
insbesondere im Modell der Wertpapierlinie (CAPM),
im Marktmodell (MM) und der Arbitrage Pricing Theory (APT),
eine herausragende Rolle.
Ziel
des CAPM, welches auf der Portfoliotheorie fußt, ist es, Konkurrenzgleichgewichtspreise
für Wertpapiere unter Ungewissheit herzuleiten. Nach dem CAPM ist die
erwartete Rendite einer Aktie in einem supponierten Kapitalmarktgleichgewicht
eine lineare Funktion der durch ihr β gemessenen Risikomenge. Wie oben
schon ausgeführt, ist der β-Faktor eines individuellen Wertpapiers definiert
als der Quotient aus Kovarianz des betreffenden Wertpapiers zur Varianz
des Marktportefeuilles. Vereinfacht behauptet das CAPM: Der Erwartungswert
der Rendite einer risikobehafteten Anlagemöglichkeit (z.B.
einer Aktie) besteht im Marktgleichgewicht aus der Summe des risikolosen
Geldmarktzinssatzes und einer Risikoprämie. Die Risikoprämie ist das
Produkt aus dem Marktpreis für das Risiko (= Differenz zwischen
Erwartungswert der Rendite des Markt-Portfolios und der sicheren Anlagemöglichkeit)
und der marktrelevanten Risikomenge der risikobehafteten Anlagemöglichkeit
β. Die praktisch Anwendung von β im Rahmen der "asset allocation"
setzt indes voraus, dass auch das μ/σ–Prinzip praktisch angewandt werden
kann. Nach dem Vorstehenden wird eines unmittelbar ersichtlich: Die
Vielzahl an argen Modellvereinfachungen entleert offensichtlich den
Anspruch des CAPM, es könne die Börsenkurse in der Realität adäquat
erklären.
Als
wesentliches Ergebnis dieser Überlegungen bleibt festzuhalten, dass
die Beurteilung der Vorteilhaftigkeit einzelner Kapitalanlagen nicht
losgelöst von der Struktur der übrigen risikotragenden Anlagemöglichkeiten
getroffen werden kann. Vernünftige Investitions- und Finanzierungsentscheidungen
wird der Disponierende auf der Grundlage des μ/σ-Prinzips immer "simultan"
zu treffen haben. Das für einzelne Anlageobjekte relevante Risikomaß
ist im Rahmen eines vollständig diversifizierten Portefeuilles allein
und ausschließlich das Kovarianzrisiko.
Harry M. Markowitz, amerikanischer
Wirtschaftswissenschaftler, *Chicago 24. 08. 1927; Professor an der
City University of New York gebührt das Verdienst des Begründers der
Portfolio-Selection Theory;
Harry M. Markowitz erhielt im Jahre 1990 zusammen mit Merton
Howard Miller und William
F. Sharpe für seine bahnbrechenden Forschungen zur betrieblichen
Finanzmarkt- und Finanzierungstheorie den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften
("Nobel Memorial Prize in Economic Sciences", "Wirtschaftspreis").
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