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   Kritik der charttechnischen Analyse (Charttechnik)

Die Methode der "technischen Analyse" von Börsenpreisen geht a priori davon aus, man könne – unter völliger Ausklammerung von Geschehnissen in der Wirtschaftswelt – aus einer Zeitreihe von in die Vergangenheit zurückgreifenden Börsenkursen, plastisch zur Anschauung gebracht mit Hilfe von geometrischen Schaubildern der Preiskurven ("Charts"), mit einem gewissen Grad an Verlässlichkeiten bei den Erwartungen auf Kursbewegungen der näheren Zukunft Rückschlüsse ziehen ("chart reading"). Hierzu bedarf es jedoch in Wahrheit einer Reihe von Erfordernissen, die im praktischen Wirtschaftsleben kaum je zu erfüllen sind. Verfechter der Charttechnik aber halten sich zu der Meinung berechtigt, im Verlauf der Preiskurve walte und herrsche ein "Quasinaturgesetz", welches ihr andauernd die Richtung weise. Dieser Befund gestatte es allemal, aus den vermeintlich erkannten übereinstimmend wiederkehrenden Verlaufsmustern der Vergangenheit (z.B. Kursformationen, Trends usw.) ein für Anlageentscheidungen verwertbares Prognostikon herzuleiten, gleichsam etwa wie die positive Kenntnis von den Naturkräften, deren Konstellation das Wechselspiel zwischen Ebbe und Flut der Meere in Bewegung setzt, deren tägliche Wiederkehr immer von neuem voraussehbar macht. Im Folgenden soll der Versuch unternommen werden, die wesentlichen Kritikpunkte zusammenzutragen, die diesen Ansatz auf seinen Unwert zurückzuführen berufen sind.

Um die oben angesprochene These zu erhärten – und ihr so zum Mindesten den Anschein der Plausibilität zu geben –, führt die Masse der Bekenner der "Charttechnik", sowie man sie beim Worte nimmt, wenn man sie konsequent nach der Rechtfertigung ihres Vorgehens an den Märkten gemäß technischer Analyse befragt, neben einer nicht beweiskräftigen Berufung auf Gewährsmänner regelmäßig ein Sammelsurium von inhaltlich nicht näher erläuterten Verhaltenshypothesen und/oder "Gesetzen der Massenpsychologie" als Überzeugungsmittel ins Treffen. Derlei seichte Begründungsversuche im Tone der bloßen Behauptung vorgebracht halten indes nicht Stich. Sie bleiben die eigentliche Erklärung schlechtweg schuldig. Sie taugen allenfalls, um jene zu überzeugen, die ohnedies überzeugt sein wollen; denn was man gerne glaubt, das glaubt man leicht. Tatsache ist:

Alle Börsenkurse, die wir vorfinden, gehören der Vergangenheit an. Künftige Kurse kennen wir nicht. Um etwas über sie in Erfahrung zu bringen, bedarf es Prognosen. Begründete Prognosen mit hoher Voraussagekraft setzen mit Notwendigkeit zu allem Anfang eine häufige Wiederholbarkeit der gleichen Handlungsmöglichkeiten unter mehr oder minder gleichem Datenbestand (Umweltgegebenheiten) und Wissensstand voraus, wodurch sie entscheidungslogisch nachvollziehbar werden. Im Tatsächlichen aber fällt jede Anlageentscheidung unter immerfort wechselnde Rahmenbedingungen, die von zahlreichen Einmaligkeiten und unumkehrbaren gegenseitigen (kasuistischen) Abhängigkeiten verschiedenartigster, sich oft kunterbunt durchkreuzender Kursbestimmungsgrößen im Zeitablauf erfüllt sind ("einmalige Entscheidungen"). Wann immer aber offen oder doch stillschweigend auf die eben angesprochenen fadenscheinigen wie waghalsigen und unzutreffenden bloßen Ad-hoc-Hypothesen zurückgegriffen wird, ohne ihre Anwendungsvoraussetzungen klar zu formulieren, stellt die Idee von der Fruchtbarkeit der auf Charttechnik basierenden Kursprognosen in Wahrheit erst einmal nicht mehr dar als eine unerwiesene Behauptung.

Wohlgemerkt: Es wird kein sicheres Gesetzeswissen (hochtrabend: i. S. v. "nomologisch-deduktiven Hypothesen") als Beweisquelle gefordert, da ein solches unter Unsicherheit und bei ungleich verteiltem Wissen und Können unter den Menschen nicht existieren kann. Vielmehr sind, um Glauben zu verdienen, schlussfolgerungsfähige Aussagen über glaubwürdige, d.h. empirisch gut abgestützte Regelmäßigkeiten zu fordern.

Anhänger der "technischen Analyse" aber geben sich auf der ganzen Linie einer Selbsttäuschung hin, indem sie die geometrischen Mustern, die der Marktpreis wirft, zusammengepaart mit die Aufsuchung von obskuren Formeln*, als Ankündigung der Preisentwicklung der nächsten Zukunft ausdeuten, ohne sich über dafür nötigen Vorbedingungen im Klaren zu sein.

[* Bemerkung: "Chartisten" sprechen hier, wohl auch um den Anschein einer hohen Glaubwürdigkeit beim geneigten Anlegerpublikum zu erwecken, dunkel, aber volltönend von "Signalen", "Indikatoren", "Oszillatoren", "Stochastik", "Bändern" etc, etc. Gleichwohl kann es der Mühe wert sein, sich Kenntnisse der darauf gestimmten Kunstwörter anzueignen, da diese Schlussfolgerungen zu ziehen erlauben, wie diejenigen, die sich jenes aparten Begriffsapparates gern und reichlich bedienen, pragmatisch an zu bewältigende Probleme bei der Geldanlage herangehen.]

 

 

 

 

 

 

 

Alle analytischen Methoden der Markt- und "Charttechnik" ohne Ausnahme leiden, auch wenn sie uns mit ihren zahllosen mathematisch-statistischen Kennzahlen in einer noch so kunstvollen Ausgestaltung begegnen, an einem schweren theoretischen Gebrechen. Hinter ihnen steckt nämlich nicht mehr als allein der Schein und Glaube, aus Beobachtungen vermeintlicher Preisregelmäßigkeiten der Vergangenheit voraussehend das Einst der Kurse entschleiern zu können. Ohne erkenntnistheoretischen Begründungszusammenhang als dem notwendigen Mittelglied jedes in sich schlüssigen Erklärungsgangs ist dieser Glaube aber logisch haltlos und somit nichts wie Aberglaube. Anders formuliert: Aus Nichtwissen lässt sich kein Wissen erzeugen! Aus Tatsachen allein lässt sich niemals auf künftige Kurse schließen! Allen beredten und wiederholten Beteuerungen derjenigen, die der Chartanalyse huldigen, dem Geldanlage Suchenden gegenüber zum Trotz entpuppen sich die Aussagen zugunsten der Charttechnik am Ende als bloße Redefiguren und sind damit letztlich nicht besser als die Erkenntnis, nichts zu wissen.*

[Anmerkung: Diese Schlussfolgerung wird nicht bei allen Lesern gleichermaßen Teilnahme finden, denn sie beinhaltet den nicht beweisbaren Ausspruch, dass angesichts einer ungewissen Zukunft Entscheidungsprobleme mit Hilfe von logischen Verstandesmitteln glücklicher zu lösen sind als z.B. durch ein Lesen im Kaffeesatz oder ein Deuten aus den Sternen.]

Die Börsenwelt, mit der wir es in der Realität zu schaffen haben, lässt sich augenscheinlich schon deshalb durch "Charttechnik" nicht besser beherrschen, weil die Zukunft notorisch ungewiss und sohin in jedem Augenblick in kasuistischer Weise indeterminiert* ist. Die Indeterminiertheit folgt ganz konkret daraus, dass unter dem Walten chaotischer Zustände im wirklichen Geschehen der künftige Kursgang erst durch die Handlungen des Marktpublikums in Gemäßheit der seinerzeit herrschenden, jetzt aber noch unbekannten Börsenmeinung in diese oder jene Richtung gelenkt wird. Die künftige Welt wird also zu einem sehr namhaften Teil von den erst in Zukunft noch zu treffenden Entscheidungen Einzelner bestimmt. Etwas überspitzt ausgedrückt: Die Zukunft ist nicht nur einfach unbekannt, sondern sie existiert im Zeitpunkt vor einer Entscheidung, dies zu tun oder jenes zu unterlassen, noch gar nicht.**

[* Selbst in deterministischen Börsenwelten wären "chaotische" Entwicklungen nicht undenkbar. Für tiefere Aufschlüsse darüber siehe: Mandelbrot, B.: When Can Price Be Arbitraged Efficiently? A Limit to the Validity of the Random Walk and Martingale Models. In "Review of Economics and Statistics", Vol. 53.]

[** Siehe darüber Shakle, G.L.S.: Epistemics and Economics: A Critique of Economic Doctrines Cambridge 1972]

Hinzu tritt eine aus kapitalmarkttheoretischen Untersuchungen gewonnene Dimension, die den Glauben an den Nutzen der Charttechnik zu erschüttern vermag: Je mehr ein Markt auf einem gedachten Pfad sich von einem Marktungleichgewicht dem Grad der sog. "schwachen Informationseffizienz" im Verstande der Kapitalmarktgleichgewichtstheorie annähert, desto mehr Bauchschmerzen verursachen "charttechnische Signale". Bereits bei schwacher Informationseffizienz ist es bekanntlich nicht der Mühe wert, sich über die Zeitserien von Kursen der Vergangenheit zu unterrichten. Zwar ist umstritten, ob es tatsächlich informationseffiziente Märkte im Sinne der Theorie gibt; namhafte Fachvertreter jedoch gehen – zumal für Teile des Devisenmarktes, bei bestimmten Geldmarkt-Futures sowie bei einer Handvoll von umsatzstarken Aktien – immer wieder von quasi "halb-strenger Informationseffizienz" aus. Allein stellt sich bereits unter der Wirksamkeit durchgehend schwacher Informationseffizienz die praktische Folgeerscheinung ein, dass die systematische Untersuchung von Kursbewegungen aus der Vergangenheit und ihre Auswertung in Trends, Formationen und Signale unvermögend ist, aus sich heraus an den Börsenmärkten überverhältnismäßig hohe Erträge zu erzielen. Die "technische Analyse" hat in Konsequenz dieses Gedankens keinen sachlichen Wert, sie gelangt über Stoffhuberei nicht hinaus, ist somit unnütz und zwecklos, für solche Börsendienste Geld zu bezahlen, schlichtweg Unfug.

Real hervortretende Börsenkurse auf funktionstüchtigen Märkten werden dirigiert von einem ganzen Bündel vielschichtiger und verschlungener, unaufhörlich wirksamer sozioökonomischer Motive und Einflussgrößen, angefangen von der faktischen Interdependenz von Konjunkturzyklus, Inflation und Geldpolitik, über wichtige politische Entscheidungen, Streiks etc. bis hin zu Ereignissen jenseits menschlicher Handlungen, wie etwa Naturereignissen und -katastrophen und anderen unbeherrschbaren äußeren Einwirkungsfaktoren. Vor dem Hintergrund unterschiedlicher psychischer Dispositionen Einzelner (wie Risikoneigungen, Handlungsmotive u. dgl.) gründen sich auf allem dem rationale, irrationale und arationale Zukunftserwartungen, indem die vorausgehenden Momente sich in toto kondensiert in diesen niederschlagen und über ganz konkrete subjektive Kauf- und Verkaufsentscheidungen endlich in den Kursbildungsprozess einfließen. Je nach Güte und Funktionstüchtigkeit der Märkte werden die darauf bauenden Preise sich mehr oder weniger schnell und vollständig an Änderungen der vorerwähnten Größen anpassen.

Nach dem Gesagten ist soviel wohl gewiss: Die "technische Analyse" geht fehl, weil sie nichts als unbeglaubigte Hypothesen mit bewiesenen Tatsachen identifiziert. Gleichwohl wird sie als Prognosemethode von vielen unkritisch Denkenden oder in der Sache wenig Beschlagenen als allein seligmachend erachtet. Hinter den ungerechtfertigten Behauptungen über vermeintliche Vorzüge einer praktischen Nutzanwendung der "Charttechnik" stehen nicht selten handfeste kommerzielle Interessen, gemünzt auf einen zahlungskräftigen Kundenkreis. Dies geschieht vielfach in der Hoffnung, dass der so düpierte Anleger nicht gleich merkt, wie er durch derartige Kurvenhascherei zusammengereimt mit etwas Mathematik an der Nase herumgeführt wird. Wenn überhaupt, so erweitert m.E. die "Charttechnik" lediglich das Spektrum an Instrumenten zur Geldanlageplanung, die in die Alternative kommen. Sie wird mitunter dann als ein mehr oder weniger taugliches Vehikel, speziell als gelegentlich nützlicher Fingerzeig auf die Aussicht einer "sich selbst erfüllenden Prophezeiung", dienen, wenn vor dem Hintergrund gut fundierter Analysen davon auszugehen ist, dass eine einmal erkannte symptomatische Gesetzmäßigkeit sich (rasch) umsetzt in eine ebenso gesetzmäßige Handlung. Ihre Umsetzung beruht in diesem Stück auf übereinstimmenden Erwartungen der Marktakteure als Folge des Wirkens übereinstimmender Motive in vergleichbaren Situationen. Da aber der Erfolg des eigenen Handelns bei Börsengeschäften entscheidend bestimmt wird von den Handlungen Dritter jetzt und in unmittelbarer Zukunft, lautet die Kernfrage in jeder mutmaßlich von der Charttechnik abhängenden Marktlage: "Was kann und wird die ganze Masse derjenigen tun, die sich allein und ausschließlich von der "Charttechnik" leiten lässt, jetzt und in unmittelbarer Zukunft?" – Um aus der Antwort darauf Kapital schlagen zu können, müsste indessen die eigene Anlageentscheidung in entsprechende Markthandlungen fertig umgesetzt sein, noch bevor Kauf- bzw. Verkaufsentscheidungen anderer den Kurs – einem Herdentrieb gleich meist abrupt ("herding") – alsdann in die gewünschte Richtung lenken. Hierzu bedarf es allerdings zusätzlicher, der "technischen Analyse" überlegener Methoden der qualitativen (ökonomischen) und quantitativen (ökonometrischen) Informationsauswertung. Gemeint sind komplementäre Modelle zur Preisbildung, die Gesetzmäßigkeiten im Ablauf der Marktvorgänge auf der Grundlage von Tatsachenwissen, gesetzesartigen Aussagen und vermuteten "Stimmungen", welche Erfahrungen und frühere Überlegungen (Deutungen, Auslegungen) gebührend einbeziehen, trotz aller Unberechenbarkeit möglicher künftiger Handlungen anderer mit hoher Glaubwürdigkeit und Schlüssigkeit vorauszubedenken erlauben ("pattern predictions").

 

Aufzählung

Nun gibt es aber Spekulanten, die nachweislich nur mit Hilfe der "technischen Analyse" überdurchschnittlich hohe Gewinne erzielt haben ("den Markt geschlagen haben"). Warum vermag die "Charttechnik" dennoch nicht das zu leisten, was sie gemeinhin verspricht?

Gewiss mag es begnadete wie ausnehmend gewandte Virtuosen geben, denen man nachrühmt, dass sie mit ebensoviel Glück als Geschick allein auf der Grundlage der "technischen Analyse" überdurchschnittliche Gewinne zu verdienen verstehen. Ihnen nachzueifern setzt, nebst einer gewissen Grundbegabung, ein erhöhtes Maß an handelstechnischer Befähigung voraus, das selten anders als durch gute Schulung, durch Ausprobieren eigener Ideen bei reichlicher Übung, vielleicht ebenso gut aber auch durch Nachahmung der Erfolgsrezepte jener seltener Potenzen zu erwerben ist. Der letztgenannte Weg, durch Imitieren der bewährten Methoden einfallsreicher Börsenstrategen aus zweiter Hand zu schöpfen, ist jedoch in gewisser Hinsicht immer auch ein Verfahren, Wettbewerbsvorsprünge der in die Materie tiefer Eingeweihten zu vermindern, wodurch deren Chancen auf Spekulationsgewinne binnen kurzem abgetragen und weggeschwemmt werden. Und oft ist das nachhaltige Erzielen von Gewinnen umso eher zum Scheitern verurteilt, je getreulicher die Handelstechniken erfolgreicher Mitstreiter im Markt nachzuahmen sind. Das aber heißt: Wer einen einmal errungenen Wettbewerbsvorsprung behalten will, wird Mittel und Wege suchen, die Nachahmbarkeit seiner Technik zu verhindern und sie selten Wettbewerbern offen preisgeben.

Darüber hinaus ist Können beim besten Willen nicht immer erlernbar; denn meisterhaftes Handeln folgt zumindest teilweise Regeln oder Routinen, die dem Ausführenden unbewusst in dem Sinne sind, dass der Einzelne nicht stichhaltig begründen kann, warum sein Vorgehen meistens zum Erfolg führt. Im nicht-erlernbaren Bereich des Könnens siedelt z.B. die persönliche Einfallsgabe für Problemlösungen (Kreativität, Fantasie). Ein Illustrationsfall, den ich erinnere ist, dass die Kunst Stradivaris, Geigen zu bauen, mit heutiger Technik noch nicht wieder erreicht worden ist.

 

Aufzählung

... und die praktische Konsequenz daraus, wenn ich trotzdem nicht ganz von der "technischen Analyse" lassen mag?

Es gibt zwei Möglichkeiten: 1.) Sie können der oben dargelegten Argumentation wenig Geschmack abgewinnen. Sie nehmen damit die Kritikpunkte der ja doch wie ein unumstößliches Dogma verbreiteten "technischen Analyse" nicht zur Kenntnis, womit Sie sich in trügerischer Vertrauensseligkeit der Selbsttäuschung hingeben, der im Geist der "Charttechnik" gehaltenen Geldanlageplanung werde ganz gewiss eine empirisch überdurchschnittliche Wertentwicklung ("Performance") zukommen. 2.) Sie nehmen die Schwierigkeiten oder Unmöglichkeiten in den Anwendungsbedingungen wohl zur Kenntnis, fahren dennoch ruhig fort, die "Charttechnik" als Planungstechnik für die Konkretisierung Ihrer Anlageentscheidungen zu verwenden, stimmen jedoch zugleich ihren "Wahrheitsanspruch" herab.

 

Aufzählung

Ist die Verwendung EDV-gestützter Börsensoftware zur Anlageplanung zu empfehlen?

Die Rücksicht auf die erstickende Fülle täglicher Börsennachrichten und -kursdaten auf der einen und auf die begrenzten Fähigkeiten des menschlichen Geistes der Informationsverarbeitung und -auswertung auf der anderen Seite nährt zweifelsohne den Wunsch nach neuen, verlässlichen Entscheidungshilfen zur Geldanlageplanung. Computergestützte Handelssysteme ("computer-guided technical trading systems", allg. "Trading"- oder "Börsensoftware") erheben den Anspruch, bei diesem Problembestand rasch für wirksame Abhilfe zu sorgen. Derartige Systeme haben in den letzten Jahren zweifellos eine große Popularität errungen. Für den ersten Eindruck wissen sie vor allem durch die Leichtigkeit zu bestechen, mit der sie in jeder Richtung ihre Handlungsanweisungen generieren. Ihre Schlüsse beruhen dabei auf speziell ausgeklügelten quantitativen Methoden, welche Zeitserien preishistorischer Daten programmgesteuert aufbereiten, um daraus Kursverlaufsprognosen herzuleiten. Der Sache nach werden die aus den hierbei zugrunde gelegten Ad-hoc-Hypothesen, Wahrscheinlichkeiten und Mustern historischer Kursverläufe gewonnenen Algorithmen mathematisch in entsprechende "Indikatoren" und "Signale" verdichtet, so nämlich, um daraufhin allein mithilfe der Computertechnik und Datenleitung weitgehend selbstwirkend operieren zu können ("algorithmic trading", "algo trading", "automated trading"), aber auch, dann meistens in leicht abgespeckter Form, um dem "technisch" orientierten Trader als regelgebundene Grundlage für seine Entscheidungsfindung zur Geldanlage auf Anforderung zur sofortigen Verfügung zu stehen.

Tatsächlich aber wird in diesem Stück mit den Tatsachen recht willkürlich umgesprungen, indem ein mathematisches Iterationsverfahren fehlgedeutet wird als ein strukturgleiches Abbild eines realen, auf die Länge der Zeit stattfindenden kontinuierlichen (dynamischen) Handlungsprozesses (= logisch unzulässiger Induktionsschluss!). Die Börse ist aber nichts weniger als ein vorprogrammierter abstrakter Organismus, der sich unter mathematisch-statistische Formeln beugen und quasi auf Knopfdruck berechnen lässt, geschweige denn es erlaubt, konkrete Anlageentscheidungen leichtfertig einem Computer zu übertragen. Vielmehr ist sie eine reale Institution, bestehend aus der ganzen Masse mehr oder weniger rational handelnder Menschen (und den von Menschengeist geschaffenen Programmen, die sich ihrerseits auf das Urteil anderer als auch diverser Verhaltensmuster fremder Programme zu stützen suchen; "Rückkopplungsprozess") in all ihren Erscheinungsformen der Wirklichkeit, deren Wirken und Wesen sich uns schon allein wegen ihrer ungezählten und sich immerzu durchkreuzenden unumkehrbaren gegenseitigen kasuistischen Abhängigkeiten einer Berechnung faktisch entzieht!

Die Schöpfer derartiger Handelssysteme machen sich regelmäßig den Umstand zunutze, dass das Wunschdenken von Anlegern bezw. das Nichtwissen über börsentheoretische Zusammenhänge sich leicht ersetzen lässt durch gläubiges Vertrauen auf softwaregestützte Prognosen. Um diesen Wunschgedanken zu bewahren, wird schlechterdings verschwiegen, dass es logisch unabdingbar Kenntnisse über glaubwürdig fundierte Gesetzmäßigkeiten erfordert, um mit Aussicht auf Erfolg von Börsenkursen der Vergangenheit auf künftige Kursentwicklungen zu schließen. Wer aber in derartiger Börsensoftware einen hinlänglichen Informationsgehalt zu erkennen vermeint, unterstellt damit unterschwellig die Gültigkeit eindeutig bekannter quantitativer Gesetzmäßigkeiten, wohl ohne sich über die unzulässigen Anwendungsvoraussetzungen und deren Inhalte im Klaren zu sein. Das heißt letztlich doch nicht mehr und nicht weniger als sich über logisch notwendige Erfordernisse einfach hinwegzusetzen!

Von Wesenheit ist es, sich stets gegenwärtig zu halten, dass EDV-gestützte Börsenhandelssysteme jenseits von Zufallstreffern weder bessere Anlagestrategien zu begründen noch ein sorgfältiges Nachdenken bei sicherer Urteilskraft jemals aufzuwiegen vermögen. Vielmehr füllen derartige Systeme mit ihren Prognoseversprechungen gleichsam die Illusion eines Schlangenbeschwörers aus: Durch das Flötenspiel werden die Schlangen scheinbar zum Tanzen bewegt und erscheinen so dem gläubigen Publikum augenblicklich beherrschbar. Da Schlangen jedoch taub sind, orientieren sie sich rein visuell, d.h., sie tanzen nicht nach den Flötentönen, sondern nach gänzlich anderen (sie folgen den Bewegungen des Schlangenbeschwörers), den erstaunten Zuschauern jedoch zumeist unbekannten Gesetzmäßigkeiten.

Zwar ist den Computer-gestützten Börsenprogrammen zugute zu rechnen, im Geschäft der Geldanlageplanung die äußerliche Darstellung von Börsenkursen kraft ihrer graphischen Hilfsmittel übersichtlicher zu gestalten und sie durch umfangreiche Statistiken zu ergänzen, vermögen letztlich aber auch nicht viel mehr zu leisten, als die ohnehin schon durch realisierte (Ex-post-)Kurse vorliegenden Informationen stilgerecht aufzubereiten. Im Übrigen verliert in Bezug auf Börsensoftware bei der Anlageplanung das vorstehend zur "Charttechnik" Skizzierte kein Jota an Geltung.

 

    

   

 

   

 

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Wussten Sie es?
Der Anmerkung des Bankiers Fürstenberg im 19 Jahrhundert "Aktionäre sind dumm und frech;
dumm weil sie Aktien kaufen und frech, weil sie auch noch Dividenden verlangen."
findet sich bereits zu Anfang des 17. Jahrhunderts bei den Vorständen der "Hölländisch-Ostindischen Kompagnie" mit ähnlichem Wortlaut wieder:
"Die Aktionäre sind unverschämte Menschen und frech genug, ihre eigenen Herren und Meister zur Verantwortung zu ziehen."
 (Anschließend wurde gedroht, sieben Jahre keine Dividende mehr auszuzahlen.)

 

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2012 Bert H. Deiters
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Stand: 29. Januar 2012. Alle Rechte vorbehalten.