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Volatilität (abgeleitet
von ital. volare »fliegen; Flatterhaftigkeit, Beweglichkeit«)
ist ein in der Finanzwirtschaft geläufiges Maß für das (aggregierte)
Gesamtrisiko einer marktmäßig gehandelten Geldanlageform. Das Gesamtrisiko
einer Kapitalanlage erfüllt sich als solches in der für möglich und
denkbar gehaltenen künftigen Schwankungsbreite (Streuung, Variabilität)
ihrer Zielgröße (Kurs, Preis, Wert, Rendite) um den erwarteten Mittelwert,
dem Schwankungszentrum. Je breiter die Streuung der Zielgröße um diesen
Referenzwert sich aufstellt, desto höher liegt die Volatilität, und
umso risikoreicher erscheint damit die Investition. Andrerseits gilt:
Der Grad der Gewissheit, dass genau jenes (Kurs-, Preis-, Wert-, Rendite-
etc.) Niveau sich tatsächlich
einspielt, auf das man mit vernünftigem Grund rechnen kann, erhöht sich
ist dem Maße, als die Streuung um den Referenzwert der Zielgröße sich
enger stellt. Oder mit einem Wort: je schmaler die Streubreite, desto
sicherer ist die Investition.
Ein Markt wird als volatil
bezeichnet, wenn die auf ihm hervorgebrachten Preise nicht unbeträchtlich
variieren.* Das Investieren in volatilen Märkten kommt demnach
einer unsicheren Kapitalsanlage gleich. Genau besehen umschreibt die
Volatilität – in der Wirtschaftspraxis vorzugsweise jene von kurshabenden
Wertpapieren (= Kursvolatilität)
– die Häufigkeit und Stärke der Preisausschläge in der Richtung nach
aufwärts wie nach abwärts. Mit ganz unterschiedlichen Ergebnissen. So
ist es ein elementarer Erfahrungssachverhalt, dass die Verteilung der
Börsenpreise von Aktien in schwunghaften Zeiten heftiger schwankt als
in geordneten und Letztere wiederum für gewöhnlich weit stärkeren und
rascheren Variationen ausgesetzt sind als man es unter regelmäßigen
Verhältnissen bei den Preisen festverzinslicher Wertpapiere ("Bonds")
beobachten kann. Gleichviel nun, welche Art von Wertpapier in Frage
steht: Grundsätzlich wird die Volatilität zunehmen bei plötzlich auftretenden
Preiserschütterungen, sie wird dagegen abnehmen bei einer Beruhigung
der Marktlage.
[* Der Marktzustand
gleicht damit gewissermaßen einer nervösen Spannung, die sich sich vermehrt
in unruhigen, hastigen Preisfluktuationen äußert.]
In einem allgemeinsten
Sinn lässt sich über das Risiko sagen, dass sein Inerscheinungtreten
das Ergebnis, auf das wir es abgesehen haben, zweifelhaft macht. Unter
dem Risikomoment ist die Erlangung eines wirtschaftlichen Vorteils somit
unsicher. Ob ein solcher sich überhaupt einstellt und falls so, wann
und in welcher Größenordnung, lässt sich mit Gewissheit nicht voraussehen.
Mitunter besteht sogar die Gefahr ansehnlicher Vermögensverluste. Hiernach
ist ersichtlich, dass das in der Volatilität verwendete Begriffsverständnis
von Risiko* nicht allein negative, sondern auch positive Abweichungen
von der erwarteten Zielgröße ausdrücklich mit umfasst. Eine hohe Volatilität
geht demzufolge mit einer großen Wertgefahr, gleichzeitig aber auch
mit einer großen Gewinnchance einher; und umgekehrt. Über die Richtung
selbst sagt sie indessen nichts aus. Gelegentlich begegnet man im finanzwirtschaftlichen
Schrifttum noch einem zweiten, verengerten Begriffsverständnis von Risiko
durch Kapitalüberlassung: Danach bedeutet Risiko entweder, die ursprünglich
ins Auge gefasste Mindestverzinsung zu verfehlen oder aber schlicht
und einfach Verlustgefahr ("downside-risk"). Die Möglichkeit
der Realisierung eines besseren Wertes als den Erwartungswert fällt
dagegen unter den Begriff der "Chance". Richtet sich das Augenmerk hinwiederum
weniger auf das aggregierte, gesamte Risiko einer Investition für sich
allein betrachtet, sondern vornehmlich und speziell auf das
marktbezogene Risiko
als Teil des Gesamtrisikos eines Investitionsobjekts im Portfoliozusammenhang,
so vermag der Beta-Faktor den allgemeinen
Vorzug vor dem Volatilitätsmaß zu behaupten, da Ersterer in der Finanzpraxis
sich für diesen Zweck als die weitaus tauglichere Maßgröße erwiesen
hat.
[* Unter diesem
Gesichtspunkt steht das Moment des Risikos hier im entscheidungstheoretischen
Sinne in Verwendung, nämlich als Ausdruck für eine idealisierte Erscheinungsform
von Unsicherheit.]
Die Volatilität an sich
ist weder eine nützliche oder schädliche noch eine indifferente Erscheinung.
Zwar ist sie als Markttatbestand objektiv feststellbar; sie ist aber
erst an ihren Aufgaben zu bemessen und zu beurteilen. Sie wird immer
dann von nutzbringendem Einfluss sein, wenn marktrelevante Informationen
mit ihrem Eintreffen sich getreu und unverzüglich in den Preisen niederschlagen
können. Sie wird jedoch verderblich sein, wenn sie durch entsprechende
Informationen nicht motiviert und ohne Hintergrund ist ("noise")*.
Das Amt einer Börse kann es daher auch nicht sein, die Volatilität prinzipiell
an ihrer Entfaltung zu hindern.
[* Letzteres scheint
weniger die Ausnahme als die Regel zu sein. Empirische Studien weisen
darauf hin, dass ein guter Teil der Volatilität durch den Handel selbst
erzeugt wird, da dieser zur eigenen Motivation ein stetes Oszillieren
der Preise erfordert.]
Die quantitative*
Erfassung des Risikos einer kurshabenden Geldanlage nimmt
ihren Ausgangspunkt nun anstatt von absoluten
Kursgrößen fast immer von Kursrelationen. Sie greift dabei vornehmlich
auf die Verhältniszahl Rendite
(Gewinn- oder
Profitrate,
interner Zinsfuß, "rate
of return") als die maßgebliche Zielgröße zurück. Die Rendite
stellt diejenige Ertragskennzahl dar, welche in Wirtschaftstheorie und
kaufmännischer Praxis die weiteste Verbreitung als Beurteilungsmaßstab
für die Vorteilhaftigkeit (Performance) finanzwirtschaftlicher Maßnahmen
gefunden hat. Die realisierte Rendite (vor Steuern) eines untersuchten
Investitionsobjekts bemisst sich nach dem finanziellen Ergebnis (Vermögenszuwachs/-minderung),
welches das während einer spezifischen Abrechnungsperiode hierfür anfänglich
eingesetzte und gebundene Eigen- und/oder Fremdkapital hervorgebracht
hat, indem es zur Größe des Letzteren ins Verhältnis gesetzt wird. So
besagt eine Rendite von beispielsweise "10%"
(bzw. 0,1), dass jede anfangs investierte Geldeinheit zum Periodenende
10 Prozent über ihren ursprünglichen Wert hinaus verdient, und sich
damit auf 1,1 Geldeinheiten vermehrt hat
(= Kapitalzuwachs).**
[* Die qualitative
Risikobeurteilung dagegen stellt auf die Bonität ab und umfasst vornehmlich
die Einstufung in verschiedene vordefinierte
Rating-Kategorien durch Ratingagenturen.]
[** Der methodische
Vorzug relativer Veränderungsraten von Kursen
(= Renditen) besteht insonderheit
darin, dass ihre Verwendung ein konsistentes Arbeiten mit wahrscheinlichkeitstheoretischen
Zufallsgesetzmäßigkeiten erlaubt und diese dabei zu gefälligen mathematischen
Lösungen führen. Dies gilt zumal von logarithmierten Renditegrößen.]
Grundsätzlich weist
man unter jeder rationellen Wirtschaftsführung disponible finanzielle
Mittel der Reihe nach in die lukrativsten Verwendungsgelegenheiten ein.
Eine zu beurteilende Investition bringt für sich allein genommen immer
dann einen wirtschaftlichen Vorteil ein, wenn ihre Rendite den zur Finanzierung
veranschlagten Zinsfuß übersteigt (positiver Kapitalwert). Im Falle
der Eigenkapitalfinanzierung wird die maßgebliche Zinsrate sich an der
nächstbesten alternativen (entgangenen) Rendite innerhalb der jeweiligen
Risikoklasse ausrichten, die um ihretwillen nicht mehr verwirklicht
werden kann (Opportunitätskostenprinzip). Alle Investitionen,
deren Renditen hinter der in Ansatz gebrachten Zinsrate zurückbleiben,
gelten als unrentabel. Retrospektiv lässt sich die Rendite der Haltezeit
(= Ex-post-Rendite, historische
Rendite) stets genau ermitteln und beurteilen; für praktische Anlageentscheidungen
ist jedoch die prospektive (zukunftsbezogene, erwartete Rendite = Ex-ante-Rendite,
d. i. gemeinhin der "Erwartungswert"
der Rendite) maßgebend.
Der methodische Ansatz zur rechnerischen
Ermittlung der historischen (empirischen) Volatilität einer Kapitalanlage
basiert auf der Berechnung der statistischen Standardabweichung
(σ; gr.: kl.
Sigma).
Als Urmaterial dienen ihr üblicherweise Zeitreihen von erfolgten Investitionsrenditen
im untersuchten Markt. Die Standardabweichung σ ihrerseits, welche
man in der Statistik gemeinhin als zentrales Moment 2. Ordnung, allgemein
auch als "Streuung", "Dispersion" oder "mittlere quadratische Abweichung"
kennt, ergibt sich bekanntlich aus der positiven Wurzel der Varianz
σ2. Die Standardabweichung σ misst hiernach die durchschnittliche
Abweichung der einzelnen beobachteten Investitionsrenditen innerhalb
einer bestimmten Betrachtungsperiode (Monat, Jahr usw.) von ihrem Mittelwert
(μ; gr.: kl.
My).
Dieses Prinzip lässt
sich vorwärtsschauend auf erwartete (zukunftsbezogene und damit unsichere)
Werte übertragen, sofern man unterstellt, dass vergangene Renditeausprägungen
bestimmend ("indikativ") für zukünftige Renditeentwicklungen sind. Die
Standardabweichung vom Erwartungswert der Rendite steht dann stellvertretend
als Maß für das Risiko der als bekannt vorausgesetzten gesamten Wahrscheinlichkeitsverteilung
der Renditen einer Investition*. Die in der Standardabweichung
gemessene Volatilität einer Investition liefert damit einen praktikablen
Anhaltspunkt, mit welcher Wahrscheinlichkeit sich ein angestrebtes Kursziel
erreichen lässt.
[* Methodologisch
zu prüfen wäre, ob es überhaupt am Platze ist, die Unsicherheit über
künftige Börsenkurse auf Standardabweichung und Erwartungswert einer
statistischen Verteilung zu verdichten.]
Gesetzt
den Fall, die Renditeverteilung einer Investition ist an statistische
Regelmäßigkeiten gebunden, wie durch die
Gaußsche Normalverteilung
etwa zum direkten Ausdruck gebracht, so lässt sich das Risiko vollständig
beschreiben. Gehorcht sie Letzterer, so gilt demgemäß: Im Bereich
[μ – 1σ | μ + 1σ] liegen 68,268
% der Renditen, im Bereich [μ – 2σ | μ + 2σ] liegen
95,45 % und im Bereich
[μ – 3σ | μ + 3σ] liegen 99,73
% der Renditen.
[Anmerkung: Statistische
Verteilungen beschreiben Zufallsgesetzmäßigkeiten. Bei der Gaußschen
Normalverteilung ist eklatant, dass die Wahrscheinlichkeit dafür,
dass die tatsächliche Rendite innerhalb von
+/– einer Standardabweichung
vom Erwartungswert liegt, etwa 2/3 beträgt und infolge davon jeweils
etwa 1/6 dafür, dass sie unterhalb bzw. oberhalb dieses Intervalls liegt.
Diese Aussage hat jedoch wegen ihrer asymmetrischen Gestalt keine Geltung
für logarithmierte Normalverteilungen.]
 |
Beispiel zur Berechnung der Renditen und der Volatilität einer
Aktie:
|
Für die ABCD-Aktie
wurden im abgelaufenen Jahr folgende Monatsschlusskurse festgestellt
(einschl. Dezember des Vorjahres):
|
Monat |
Dez |
Jan. |
Feb. |
März |
April |
Mai |
Juni |
Juli |
Aug. |
Sept. |
Okt. |
Nov. |
Dez |
|
Kurs |
100,00 |
108,00 |
113,40 |
111,70 |
116,50 |
117,90 |
110,00 |
105,60 |
109,30 |
105,80 |
102,00 |
107,10 |
114,60 |
a.) Berechnung der
Monatsrenditen der ABCD-Aktie: 1.Schritt:
Nach der Datenerhebung
liegt eine Kurssequenz von Monatsschlusskursen als gegeben vor. Daraufhin
werden nun die einzelnen Periodenrenditen berechnet. Dazu wird der Schlusskurs
der jeweiligen Periode (in unserem Beispielsfall also der Monate Januar
bis Dezember) durch den Schlusskurs des Vorperiode dividiert (vgl. die
mittlere Zeile "1 + Rendite" in der nachstehenden Tabelle; engl. "value
relative"). Nach Abzug von 1 und Multiplikation mit 100 erhalten
wir als Ergebnis die folgenden 12 Monatsrenditen (in Prozenten),
wie in der letzten Zeile der folgenden Tabelle aufgezeigt:
|
Monat |
Dez |
Jan. |
Feb. |
März |
April |
Mai |
Juni |
Juli |
Aug. |
Sept. |
Okt. |
Nov. |
Dez |
|
Kurs |
100,00 |
108,00 |
113,40 |
111,70 |
116,50 |
117,90 |
110,00 |
105,60 |
109,30 |
105,80 |
102,00 |
107,10 |
114,60 |
|
1+Rendite |
– |
1,080 |
1,050 |
0,985 |
1,043 |
1,012 |
0,933 |
0,960 |
1,035 |
0,968 |
0,964 |
1,050 |
1,070 |
|
Rendite |
– |
8 % |
5% |
–1,5% |
4,3% |
1,2% |
–6,7% |
–4% |
3,5% |
–3,2% |
–3,6% |
5% |
7% |
2.Schritt:
Um bei der Kalkulation
der Volatilität nicht gegen entscheidungstheoretische Plausibilitätsannahmen
zu verstoßen, wird im Schrifttum gefordert, dass dem Investor eine quadratische
Bernoulli-Nutzenfunktion zuzuführen sei und/oder dass die Renditen
des Investitionsobjekts normalverteilt sein müssen. Da logarithmierte
(stetige) Aktienrenditen gegenüber einfachen (diskreten) Renditen eher
als normalverteilt angesehen werden können*, werden in diesem
Schritt die Kursverhältnisse aus der Zeile "1 + Rendite" der
obigen Tabelle mit dem natürlichen Logarithmus** logarithmiert.
Als Ergebnis (wiederum multipliziert mit 100) erhalten wir eine Zeitreihe,
wie sie der letzten Zeile der folgenden erweiterten Arbeitstabelle zu
entnehmen ist ("log. Rend.", in Prozenten, gerundet auf zwei
Nachkommastellen).
|
Monat |
Dez |
Jan. |
Feb. |
März |
April |
Mai |
Juni |
Juli |
Aug. |
Sept. |
Okt. |
Nov. |
Dez |
|
Kurs |
100,00 |
108,00 |
113,40 |
111,70 |
116,50 |
117,90 |
110,00 |
105,60 |
109,30 |
105,80 |
102,00 |
107,10 |
114,60 |
|
1+Rendite |
– |
1,080 |
1,050 |
0,985 |
1,043 |
1,012 |
0,933 |
0,960 |
1,035 |
0,968 |
0,964 |
1,050 |
1,070 |
|
Rendite |
– |
8% |
5% |
–1,5% |
4,3% |
1,2% |
–6,7% |
–4% |
3,5% |
–3,2% |
–3,6% |
5% |
7% |
|
log. Rend. |
– |
7,70% |
4,88% |
–1,51% |
4,21% |
1,19% |
–6,94% |
–4,08% |
3,44% |
–3,25% |
–3,67% |
4,88% |
6,77% |
[* Die Annahme
einer logarithmierten Normalverteilung von Aktienrenditen beachtet die
Restriktion, dass der Aktionär niemals mehr Geld verlieren kann als
die Geldsumme ausmacht, die er auf den Kauf seiner Aktien ausgelegt
hat. Als eine für den Finanzpraktiker sich günstig erweisende Eigenschaft
logarithmierter Renditen tritt hinzu, dass mittels Letzteren, zumal
bei Grenzwertuntersuchungen, sich methodisch in konsequenter, folgerichtiger
Weise rechnen lässt.]
[** Der natürliche Logarithmus
hat als Basis die Konstante e = 2,71828..., dem zugestrebten Grenzwert
der Folge (1+1/n) n mit n →
∞.]
3. Schritt:
Nun wird der Durchschnitt
(Mittelwert μ) der vorliegenden 12 logarithmierten Renditen berechnet.
Der Mittelwert μ einer gegebenen Anzahl beobachteter Vergangenheitsrenditen
r einer Investition berechnet sich allgemein nach der Formel:
μ = (1/n) ·
Σ
rt
,
mit
n : Anzahl der beobachteten Renditen
rt : Rendite der Betrachtungsperiode t (mit t =
1, ..., n) und
Σ : Summensymbol
(gr. Sigma, nach dem achtzehnten
Buchstaben des griechischen Alphabets).
Die modifizierte Formel zur Errechnung
des logarithmierten Mittelwerts (μln)
lautet dann:
μln
= (1/n) · [Σ ln(1 + rt)]
.
Die Division der Summe der logarithmierten
Monatsrenditen (gerundet, in Prozenten) durch 12 ergibt in unserem Beispiel
also den gesuchten Mittelwert μln:
μln = (7,70
+ 4,88 – 1,51 + 4,21 + 1,19 – 6,94 – 4,08 + 3,44
– 3,25 – 3,67 + 4,88 + 6,77) / 12 = 1,135.
Ergebnis: Die
durchschnittliche Monatsrendite der ABCD-Aktie beträgt 1,135
%.
b.) Berechnung der Varianz σ2
und der Standardabweichung σ der logarithmierten Renditen:
1. Schritt:
Um Aussagen über das (isolierte) Risiko
der ABCD-Aktie zu treffen, ist zunächst die Varianz zu berechnen. Zur
Ermittlung der Varianz einer Grundgesamtheit von Werten bedient man
sich allgemein der folgenden Formel:
σ2 = (1/n) · [Σ
(rt –
μ)2]
,
wobei die Summe über alle Einzelausprägungen
der Grundgesamtheit läuft. Die Varianz σ2 ist demnach definiert
als die Summe aus den quadrierten Abweichungen der Einzelausprägungen
vom Mittelwert geteilt durch die Anzahl der Einzelausprägungen.
Wird aus einer Stichprobe ein Schätzwert
für die Varianz einer Grundgesamtheit gesucht, lehrt die Statistik,
dass zum Ausgleich von Stichprobenschätzfehlern der Nenner, hier: n,
um 1 zu vermindert ist, um eine weitgehend erwartungstreue Schätzung
zu erreichen. Eine solche Anpassung ist insbesondere immer dann vonnöten,
wenn – wie hier am Beispiel der ABCD-Aktie vorgeführt – nur einige wenige
Beobachtungswerte vorliegen. Wir erhalten also:
σ2
= [1/(n –
1)]
· [Σ (rt
– μ)2]
.
Die Varianz wird hier
unter Verwendung des oben errechneten logarithmierten Mittelwertes von
μln = 1,135 bestimmt, indem dieser Wert von den einzelnen
logarithmierten Monatsrenditen subtrahiert und daraufhin quadriert und
aufsummiert wird. Anschließend wird noch durch (n
– 1) geteilt. Die modifizierte Formel lautet
dementsprechend:
σ2
= [1/(n – 1)]
· [Σ (ln (1 + rt)
– μln)2]
.
Die Beispielswerte eingesetzt
ergibt folgende Varianz:
σ2 = [(7,70
– 1,135)2
+ (4,88 – 1,135)2 + (–1,51 – 1,135)2 + (4,21
– 1,135)2 + (1,19 – 1,135)2 + (–6,94 – 1,135)2
+ (–4,08 – 1,135)2 + (3,44 – 1,135)2 + (–3,25
– 1,135)2 + (–3,67 – 1,135)2 + (4,88 – 1,135)2
+ (6,77 – 1,135)2]
/ 11 = 259,39/11 = 23,58.
2. Schritt:
Da die gesuchte historische
Volatilität eines Investitionsobjekts in der Standardabweichung σ gemessen
wird, ist zu ihrer Kalkulation als nächstes die positive Quadratwurzel
aus der oben berechneten Varianz σ2 zu ziehen:
σ =
[(1/(n – 1)) ·
[Σ (ln (1 + rt) –
μ)2]]½
, bzw.
σ =
√23,58 = 4,856
%.
Man beachte wohl, die Standardabweichung σ ist im Gegensatz zur Varianz
σ2 inhaltlich kommensurabel mit ihren Ursprungswerten. Sie
hat insbesondere die gleiche Dimension wie die zu ihrer Berechnung verwendeten
Zahlengrößen, d. i. in unserem
Beispiel also die Dimension Prozent (%).
Hinweis: Die Berechnung der Standardabweichung
(σ) der logarithmierten Renditen einer Aktie kann alternativ zu Schritt
1 und 2 auch nach der Formel
σ = [∑rln2
/ (n–1) – [(∑rln)2
/ n · (n–1)]]1/2
erfolgen, wobei rln die logarithmierten Renditen der Aktie
bezeichnet.
3. Schritt:
Um in der Wirtschaftspraxis
Renditen einzelner Investitionen, die über unterschiedlich lange Zeiträume
laufen, vergleichbar zu machen, bedient man sich aus Gründen der Zweckmäßigkeit
der Annualisierung von Renditen. So ist es bspw. bei Kreditgeschäften
eine Gepflogenheit, nach Prozenten per annum zu rechnen, bekannt auch
unter der Bezeichnung "effektiver Jahreszins" ("annual rate
of return"). Ähnlich verhalten sich die Dinge bei der Vergleichung
von statistischen Standardabweichungen. Die auf ein Jahr bezogene ("hochgerechnete")
Standardabweichung (Jahresvolatilität) ergibt in ihrer Form das gesuchte
Risikomaß, das in die Finanzierungslehre unter der Bezeichnung
Volatilität eines Investitionsobjekts
Eingang gefunden hat.
Das Kursmaterial für
die Volatilitätsberechnung selbst ist hergeholt von einer regelmäßigen
Beobachtung des Kurses der in Untersuchung gezogenen Aktie. Die hier
angestellte Rechnungsoperation beispielsweise beruht auf monatlicher
Kursfeststellung. Ebenso wohl können andere fixe Zeitintervalle herangezogen
werden. Gleichviel indes, ob der Rechnung ursprünglich Tages-, Wochen-,
Monats- oder Quartalsschlusskurse und entsprechende Renditen zugrunde
lagen, lassen diese sich auf einfache Weise in die intendierte Jahresvolatilität
transformieren. Dazu wird ganz einfach die Standardabweichung σ mit
der Quadratwurzel aus der Anzahl der Beobachtungszeiträume multipliziert.
Da nun die meisten Finanztitel auf den Märkten heutzutage täglich umgesetzt
werden, dienen einer Volatilitätsberechnung aus naheliegenden Gründen
in aller Regel auch tägliche, auf Schlusskursen beruhende Kursänderungen
zur Grundlage.
Als allgemeine Formel
für die annualisierte Standardabweichung
(= Volatilität) erhält man
somit:
σann =
σ · √n
.
[Anmerkung: Die Verwendung der
Volatilität als Risikomaß einer Kapitalanlage impliziert sohin, dass
das Risiko einer Investition mit zunehmenden Anlagehorizont nicht linear
(degressiv) zunimmt.]
Ist
die Standardabweichung, wie hier im Fallbeispiel, das Ergebnis monatlicher
Renditen, so hat die Multiplikation der (monatlichen) Standardabweichung
σm demnach mit der Wurzel aus 12 zu erfolgen,
d. h. σm x
√12 = gesuchte historische Volatilität σann
der ABCD-Aktie. Die obigen Werte eingesetzt ergibt:
σann
= σm · √12 = 4,856%
· 3,4641 = 16,8217
% = Volatilität der ABCD-Aktie.
(Gerundet bis auf 4 Stellen
hinter dem Komma.)
Die
ABCD-Aktie weist für den untersuchten Referenzzeitraum eine vergleichsweise
geringe Volatilität aus. Aktien als Anlageklasse haben als solche im
langfristigen Durchschnitt für gewöhnlich Jahresvolatilitäten zwischen
15 und 60%. Sogenannte Blue
Chips, also Aktien ersten Ranges dagegen, welche z.B.
auch im DAX®
oder im Dow Jones
(DJIA) enthalten sind, haben je nach Aktiengattung Volatilitäten
zwischen grob 20 und 40%. Demnach
lässt sich die hier untersuchte ABCD-Aktie der Kategorie "Defensive
Issue" zuordnen. Aktien des vorgenannten Typs zeigen sich überwiegend
unbeirrt von allgemeinen Wirtschaftszyklen und gehören meist entweder
zu den altbegründeten, soliden Unternehmungen der Nahrungsmittelbranche
oder zu ebensolchen Versorgungsunternehmungen (den sog. "utilities").
Abschließende Anmerkungen: Da das Kalenderjahr aufgrund von Handelspausen
an Wochenenden und Feiertagen je nach Land lediglich über ca. 250 Börsenhandelstage
verfügt und empirische Befunde überdies darauf hindeuten, dass eher
Börsenhandelstage als Kalendertage für die Bestimmung der Volatilität
einer Aktie maßgeblich sind, multipliziert man zur Annualisierung der
Standardabweichung im Falle vorliegender Tagesrenditen mit der
Wurzel aus 250, statt aus 365, d.
h. σann
= σt · √250.
Zur
Steigerung des Aussagegehaltes im Falle von Tagesrenditen empfiehlt
es sich, bei der rechnerischen Ermittlung der Volatilität einer Aktie
mindestens die letzten 90 bis etwa 180 Handelstage zugrunde zu legen,
bei Monatsrenditen mindestens 36 Monatsrenditen. Zwar steigt die Genauigkeit
einer Schätzung grundsätzlich mit zunehmender Zahl der in die Berechnung
einfließenden Renditen. Da sich indessen die Volatilität erfahrungsgemäß
auf die Länge der Zeit ändert*, und älteren Renditen oftmals
wenig oder gar keine Aussagekraft für heute zu treffende Prognosen und
Anlageentscheidungen zukommt, kann die Berücksichtigung von mehr als
zirka 180 Renditen mitunter sogar kontraproduktiv sein.
[* Die Nutzung
der historischen Volatilität zur Schätzung der zukünftigen Volatilität
("future volatility") unterstellt implizit, dass die Volatilität
auch in der künftigen Periode konstant bleibt. Sog. GARCH-Modelle
versuchen in jüngerer Zeit, den zeitlichen Änderungen der Volatilitäten
mit verfeinerten mathematisch-statistischen Mitteln Rechnung zu tragen.
GARCH ist die Abkürzung für "Generalized Autoregressive Conditional
Heteroskedasticy".]
Wenngleich auch Renditeausprägungen,
die Dividenden- und Bezugsrechtserlöse umfassen, sich auf einfache Weise
in die Bestimmungsformel der Volatilität einer Aktie einbeziehen lassen,
bleiben solche Renditen praktisch zumeist außer Ansatz. Jene methodische
Vorgangsweise ist neben anderem zurückzuführen auf den Umstand einer
von Fall zu Fall unterschiedlichen steuerlichen Handhabung der einzelnen
Ausschüttungserträge aus Aktien im Empfängerkreis der Investoren.
Für andere häufig genutzte
Renditezeiträume gilt analog:
σann = σw ·
√52 für Wochenrenditen und
σann =
σq · √4 für Quartalsrenditen.
Zur Ausmittlung der Volatilität wird eine Periode von gewisser Länge
ins Auge gefasst. Im obigen Beispiel etwa wurde die Volatilität aus
Monatsrenditen durch ein ganzes Jahr berechnet. Die Berechnung der Volatilität
ist grundsätzlich aber mit beliebigen Zeitintervallen möglich. Liegen
ihr etwa Tagesrenditen der letzten 30 Handelstage zugrunde, die auf
das Jahr hochgerechnet wurden, so spricht man von einer 30-Tage-Volatilität
p. a. Hier wie auch im Falle
einer 250-Tage-Volatilität p.
a. – beide sind in der Wirtschaftspresse besonders häufig
anzutreffen – bedarf es keiner Annualisierung mehr, da sie der gesuchten
Kennzahl "historische Volatilität, σann" bereits entsprechen.
Um bei der Gegenüberstellung
von unterschiedlich riskanten Aktien mit unterschiedlichen erwarteten
Renditen Aussagen mit Anspruch auf erhöhte Zuverlässigkeit zu machen,
greift man neben anderen häufig auf ein relativiertes Streuungsmaß zurück:
den sog. Variationskoeffizienten v. Der Variationskoeffizient
v ist definiert als das Verhältnis von Standardabweichung σ zu
Erwartungswert der Rendite μ, d.
h. v = σ/μ. Es beziffert damit
das übernommene Risiko pro Renditeeinheit. Die hier untersuchte
ABCD-Aktie hat demnach einen auf einen Monat bezogenen Variationskoeffizienten
von 4,856 / 1,135 = 4,278.*
[* Es sei darauf
hingewiesen, dass v, ungleich seiner Bestimmungsgrößen, als dimensionslos
zu betrachten ist.]
Der sachliche Nachteil
indes, der dem Variationskoeffizienten v aus sich anhaftet, beruht
auf seiner hohen Reagibilität, zumal immer dann, wenn er sich auf vorliegende
Tagesrenditen bzw. auch sonst auf Renditerealisationen von nur sehr
geringer Höhe stützt. Dies macht ihn letztlich für viele praktische
Zwecke nur in eng begrenztem Maße tauglich.
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