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Über Spekulation und Terminmärkte

 

    Zum Begriffsverständnis von Spekulation und Spekulant

Sei es Findigkeit bei der Umschau nach lohnenswerten Investitionsgelegenheiten, seien es unterschiedliche Bedürfnisse, Erwartungen und Risikoneigungen unter den Menschen oder endlich auch eine offensichtliche Ungleichverteilung ihres Wissens und Könnens: Alles das ohne Ausnahme findet seinen Widerschein in den eigentlichen Motiven und Triebkräften, die für die Vornahme von Spekulationsgeschäften auf den Finanz- und Terminmärkten ursächlich sind. – Doch die Vorfrage, die sich an einleitender Stelle unter diesem Titel notwendig auf die Lippen drängt, lautet: Unter welchem Wortsinn lässt der Begriff des Spekulanten sich überhaupt begreifen? – Sehen wir zu.

Unter dem Ausdruck Spekulant versteht sich in der alltäglichen Anschauung unter uns vielfach ein Mensch, der – im Sinne eines glückspielerischen Hasardeurs – von unersättlicher Gewinnsucht beherrscht sein Geld selbst in die moralisch anrüchigsten Verwendungsgelegenheiten hineinsteckt, jemand, der auch entfernt nicht davor zurückschreckt, ganz nebenher vielleicht noch Preistreibereien Vorschub zu leisten (Agiotage; Jobberei) – alles in der Hoffnung auf möglichst baldige Kurssteigerungen, aus denen er sein Vermögen zu nähren sucht. Und selbst in den USA, wo Wagemut offenbar besonders hoch im Kurs steht, und der Begriff der Spekulation deshalb mit weit weniger Argwohn behaftet ist als hierzulande, wird der Spekulant mitunter mit dem Namen "player" ("Spieler") bedacht, ist dort aber besser bekannt unter der eher euphemistischen und gehobenen Aufschrift Trader.

In Anlehnung hingegen an den lateinischen Wortstamm speculari, zu Deutsch soviel wie »spähen, beobachten«, lässt der Begriff des Spekulanten sich sprachlich präzise umschreiben als "ein Mann, welcher von einem erhöhten Standpunkt aus in die Ferne späht", und weiter, "jemand, welcher neue und unbekannte Wege und Gegenden für das große Heer der Handelstreibenden ausfindig macht und absucht".*

[* Jean Gustave Courcelle-Seneuil (1813-1892), Professor der Nationalökonomie und französischer Staatsrat]

Ein Spekulant kann darum gedeutet werden als eine planvoll handelnde, vom Gewinnstreben beseelte Person, die auf den Märkten nach lukrativen, zumeist auf kurze Frist ausgerichtete Investitionsgelegenheiten Ausschau hält und hernach ihr Risikokapital auf der Grundlage der dabei gesammelten Wissensvorsprünge dem Vorhaben gemäß zum Einsatz bringt.

Rücksichtlich ihrer ganzen Wesensart sind sich der Spekulant (Trader) und der Glücksspieler* ("Zocker")  einander sichtbar unähnlich: Jener handelt wohlüberlegt, indem er jeder von seinen Investitionsentscheidungen eine durch vernünftige Verstandesgründe gut fundierte Analyse derjenigen ökonomischen Kausalzusammenhänge voranstellt, deren Zusammenwirken für die mit der Investitionshandlung angestrebten Ziele ursächlich sind, zumal eine eingehende Untersuchung der vielgestaltigen, sich oft kunterbunt durchkreuzenden Preisdeterminanten und Risikofaktoren. Dieser hingegen sucht das Risiko blindlings nach der Augenblicksstimmung auf, handelt meist ohne große Mitwirkung des Intellekts aufs Geratewohl in der Hoffnung auf die bare Zufallsgunst. Man kann wohl sagen, Letzterer agiert "aus dem Bauch" heraus, so vor allem, um seine Spielleidenschaft zu befriedigen. Zur kritischen Reflexion und Motivation seines Geldeinsatzes sieht er entweder erst gar keinen Anlass oder es geht ihm auch sonst schlicht jede Befähigung dazu ab. Feste Anlagen meidet er von vornherein. Wann immer aber das leitende Motiv einer Investition in die Erzielung eines auf die Dauer angelegten stetigen Einkommens oder Wertgewinns gesetzt werden will ("buy-and-hold"-Strategie, "Kauf auf feste Hand"), wird in diesem Sachzusammenhang vorzugsweise von einem (Kapital-) Anleger und seinen wohl bedachten Investmentstrategien gesprochen.

[* Dem Wesen der Sache nach erzeugen von Menschengeist erdachte Glücksspiele bewusst das Risikomoment (was zugleich den Reiz derselben ausmacht), während ohnehin gegebene realwirtschaftlich Risiken Spekulation erst ermöglichen, wenn nicht ökonomischerweise bedingen.]

 

Aufzählung

Strategien, Ziele und Bedeutung des Tradings: die Spekulationsfunktion

Wer sein Kapital wagt, will gewinnen. Dies ist eine aus der gewöhnlichen Lebenspraxis allbekannte Tatsache. Es ist jedoch eine ebenso notorische Tatsache, dass Spekulationsgewinne von anderen erst zu erhandeln sind. Mangelnde Kenntnis von der Zukunftslage aber gebietet es, vor der Durchführung einer Investitionshandlung zuerst einen Akt der Voraussicht zu üben.

Von der Triebkraft  nach Bereicherung geleitet, hält der findige Kapitalanleger bewusst Ausschau nach sich abzeichnenden Hebungen und Senkungen der Preise von Investitionsobjekten, von deren Margen es sich lohnen mag, diese durch ein (meist auf kurze Frist ausgelegtes) Tätigwerden auf den Märkten geldlich auszuwerten. Mit vernünftigem Grund nimmt er aus diesem Anlass die altüberkommene Weisheit zur Richtschnur: Kaufe billig und verkaufe teuer!*. Ziel seiner Bemühungen ist es allemal, über die künftige Realisierung erwarteter Markteinschätzungen einen finanziellen Vorteil (mehr Einkommen) für sich zu erlangen. Der schlussendliche Erfolg seines taktischen Bestrebens nach dieser Anleitung, sprich: das aus spekulativen Positionierungen in den Spot- bzw. Terminmärkten erzielte finanzielle Ergebnis (der Privatgewinn oder Verlust, vor Steuern), beruht jedes Mal auf der verwirklichten Differenz zwischen Kauf- und Verkaufspreis des  betreffenden Marktobjekts, bereinigt um allfällige Brokergebühren, Zinsaufwendungen und sonstige Handelsspesen ("Differenzspiel", Handelsspekulation). Eine Besonderheit auf diesem Gebiet verkörpern kombinierte Positionen, sog. Spreads und vergleichbare Gebilde, welche die Vielzahl der Anlageformen an den internationalen Zukunftsmärkte darbieten. Von ihrem Gebrauch verspricht und erhofft sich der Spekulant, eine sich einspielende Variation in der Kursrelation zweier oder mehr in ihrer äußeren Schlussform zwar ungleichartiger, in einzelnen Ausprägungen ihrer Merkmale immerhin aber ökonomisch verwandter Engagements zu fruktifizieren.

[* Geschieht dies praktisch gleichzeitig, so handelt es sich hierbei um eine sogenannte Arbitrage. Arbitrage im weiteren Verstand aufgefasst umfasst auch Spekulationen, die zeitliche Preisunterschiede ausnützen.]

Im börslichen Terminverkehr ist es – anders als z.B. auf dem deutschen Aktienkassamarkt, und daher für den Neuling womöglich gewöhnungsbedürftig – tägliche Übung, in Erwartung nachgebender Kurse anfangs Terminkontrakte (leer) zu verkaufen (= Short), um, nach Verstreichen einer erst noch ungewissen Zeit, im rechten Moment alsdann einen eindeckenden, das Ergebnis realisierenden Kauf folgen zu lassen ("bearish"-Strategie)*, wie es ebenso gängige Praxis ist, wie gewohnt, umgekehrt in Erwartung steigender Kursnotizen zuerst den Kauf (= Long) und danach den Verkauf zu tätigen ("bullish"-Strategie). Durch den seinerzeitigen Abschluss eines Gegengeschäfts im Terminmarkt können Marktakteure jedes bisherige Engagement nahezu jederzeit mit Leichtigkeit wieder beenden, sich auf diese Weise ihres Marktrisikos entledigen und in einem Atem ihre erwirtschafteten Gewinne verwirklichen resp. auflaufenden Verluste begrenzen**. Vermittels eines regulär zu Ende geführten Gegengeschäfts solcher Art befreien sie sich außerdem endgültig von jeglicher persönlichen Haftung aus dem eingangs begründeten Termingeschäft. Die betreffenden Positionen gelten hiernach immer und notwendig als final geschlossen, Vertragsbeziehungen bestehen weiter nicht mehr, der Posten ist aus dem Markt. Die Reihenfolge selbst, in der Käufe und Verkäufe auf den Zukunftsmärkten statthaben, verschlägt an dem daraus erzielten finanziellen Ergebnis nichts. Es herrscht vollkommene Gleichrangigkeit in der Verfahrensweise (vgl. hierüber auch: Wertpapierleihe und Leerverkauf). Aus diesem Grunde kehrt, wie die Erfahrung sattsam bezeugt, an den Terminmärkten eine tendenziell stärkere Ausgewogenheit zwischen Hausse- und Baissespekulation ein als an den Spot- und Kassamärkten ohne Leerverkaufsmöglichkeit.

[* Anmerkung: Da bei Termingeschäften der tatsächliche Vollzug der Vertragserfüllung durch Lieferung, Abnahme und Bezahlung des Handelsgegenstandes erst in der Zukunft ("zum Termin") vorgesehen ist, kann es – auch wenn es für den Fernstehenden im ersten Augenblick paradox klingen mag – durchaus vorkommen, dass der Verkäufer von Terminkontrakten Warenpartien veräußert, die sich zum Zeitpunkt des Handelsschlusses gar nicht in seiner Habe finden, die womöglich erst im Werdezustand sind oder die selbst in der äußeren Form noch gar nicht körperlich zu existieren angefangen haben!]

[** Zwingende Voraussetzung hierfür ist jedoch ein richtig funktionierender, liquider Markt, der Gegengeschäfte zu jeder Zeit und dabei zu durchweg fairen Preisen ermöglicht.]

Glückliche Methoden gewinnbringender Börsenspekulationen in und zwischen den Terminmärkten gehen, vorbehaltlich von Zufälligkeiten, zurück auf eine zutreffende Antizipation künftiger Kursentwicklungen. Eine Profit bringende Ausnützung sich darbietender Gewinnchancen wird umso trefflicher gelingen, je eher sich mutmaßliche Fehleinschätzungen des Marktes hinsichtlich fundamentaler Werte ("Ungleichgewichtspreise") auffinden lassen. Das In-Erscheinung-Treten derartiger Fehlbeurteilungen seinerseits lässt sich i. d. R zurückführen auf a.) bestehende Marktunvollkommenheiten, b.) die dadurch bedingten und sie bedingenden Unsicherheiten und/oder c.) auf das eingangs angeführte zergliederte Wissen und Können ("asymmetrische Informationen") unter den einzelnen Marktakteuren. Das von Spekulanten in den Zukunftsmärkten tatsächlich an den Tag gelegte Verhalten steht damit aber, wissentlich oder unwissentlich, in flagranter Unstimmigkeit mit der von der modernen Finanzierungstheorie aufgestellten These, die besagt, dass der derzeitige Terminkurs als empirische Markterscheinung die bestmögliche Markteinschätzung des künftigen Kassakurses in sich vereint (Konsensuspreis).

 

Nimmt nun ein aufmerksamer Händler eine darauf zugestimmte spekulative Positionierung ein und korrigiert der Markt hernach solche vermeintlichen Fehleinschätzungen über den angemessenen Kursstand, so erwachsen ihm daraus in gerader Linie die erhofften Spekulationsgewinne. Erweisen sich seine Prognosen dagegen als unrichtig, so drohen ihm aus seinen verfehlten Spekulationen empfindliche Vermögensverluste. Gewinne oder Verluste sind demzufolge das Ergebnis des in Märkten bewerteten Handelns. Mithin kommt dem Erwirtschaften von Gewinnen und Verlusten auf den verschiedenen Handelsplätzen in Rivalität unter vielen und den dadurch ausgelösten Wissensänderungen unter den Akteuren wie auch bei den Börseninteressierten überhaupt gleichsam das Amt eines qualitativ hochwertigen "Entdeckungsverfahrens" ("price discovery") zu; denn im Trachten nach Gewinnerzielung werden als Parallelerscheinung über publizierte Börsenpreise anderen Marktteilnehmern Informationen vermittelt, wo im Einzelnen vermeintliche Möglichkeiten zur Gewinnerzielung sich darboten bzw. wo Verluste drohten. Die hierdurch angelockten Spekulanten werden alsbald ihrerseits auf der Wettbewerbsebene jede lohnenswert erscheinende Gelegenheit zum eigenen Vorteil zu nutzen suchen, durch unterschiedliche Markterwartungen das Preisgefüge als gemeinwohlfördernde Begleiterscheinung tendenziell nivellieren* und überdies endlich zu einer – hoffentlich –  sinnvollen Umverteilung knapper Ressourcen in einer Volkswirtschaft einen Beitrag leisten (wenn dem tatsächlich so geschieht, spricht man auch von einer "allokationsverbessernden Wirkung" der Spekulation).

[* Nicht auszuschließen ist, dass es in angespannten Situationen, zumal bei erkannten Fehlspekulationen, eine kürzere Zeit hindurch zu Übertreibungen auf den Derivatemärkten ("overshooting", "Überschießen") kommen kann. Abgesehen davon darf man in einem ethisch wertenden Lichte nicht von vornherein davon ausgehen, dass starke Preisschwankungen (Volatilität) grundsätzlich verwerflich seien.]

Verwirklichte und ausgewiesene Spekulationsgewinne bzw. -verluste erzeugen demnach über die Publizität des Preisgeschehens ein Signal an das übrige Marktpublikum, wo sich erfolgreiche Investitionsgelegenheiten boten bzw. verlustbringende bevorstanden, und aus naheliegenden Gründen auch, wo solche in naher Zukunft denkbar sind. Da aber andererseits das nachhaltige Erzielen von Gewinnen im Wettbewerb umso eher versanden wird, je leichter erfolgreiche Handelstechniken von Rivalen sich nachahmen lassen, wird der kundige Spekulant tunlichst darauf Bedacht nehmen, einträgliche Investitionen vor anderen zu verbergen.

Marktunvollkommenheiten bewirken, dass nicht durchweg jede Marktsituation unfehlbar auch ein verlässliches Signal abgibt, und so bestimmen in vielen Alltagsfällen die Wechselfälle von Glück oder Pech zu einem guten Teil mit, wem der Gewinn letztlich zufällt. Unzuverlässige Signale wiederum führen, isoliert betrachtet, zu Fehlurteilen über die Erwartungen anderer Marktteilnehmer, welche die Vernünftigkeit der eigenen Anlageentscheidung zu mindern imstande sind. In letzter Linie aber hängt der dauerhafte Erfolg spekulativer Engagements entscheidend ab von der geistigen Fähigkeit des Disponierenden, laufend zutreffende Prognosen über die künftige Marktentwicklung und ihre Folgen zu entwickeln.

Ganz gleich, wie man persönlich zu ihnen steht: Spekulierende erfüllen vom wissenschaftlichen Standpunkt eine wichtige volkswirtschaftliche Funktion. Sie sind nämlich die natürlichen Abnehmer der aus den Händen von Gewerbetreibenden kommenden (nicht diversifizierten) Risiken. Erst die ständige Bereitschaft jener ungleich großen Gruppe von Marktteilnehmern betriebliche Risiken von Produzenten und deren Weiterverarbeitern (d. h. von Hedgern) zu übernehmen, gewährleistet überhaupt kontinuierlich liquide und damit hinreichend wirkungsvolle Märkte zum reinen Nutzen aller. Des Weiteren wird Spekulanten oftmals eine preisstabilisierende, dämpfende Funktion zugeschrieben, die gerade bei überraschend eintreffenden, richtungweisenden Nachrichten über nicht vorhersehbare (nicht eingeplante) Fremdereignisse ("shocks", nicht antizipierte drastische Veränderungen im wirtschaftlichen Umfeld) in Wirkung tritt. Hierbei werden die Preisausschläge in dem Maße herabgemindert, als die Gewissheit bei der Voraussicht des tatsächlichen Zukunftspreises steigt.  Voraussetzung dafür ist jedoch eine von den unterschiedlichsten Handlungsmotiven geleitete beiderseits hinlänglich große Anzahl von Marktakteuren (= Marktbreite), wodurch der Preis sich auf eine ausgewogenere, solidere Basis zu stellen vermag. Andererseits lässt sich argumentieren, dass Spekulanten, die mit dem Markt aus der Nähe nicht all zu sehr vertraut sind und die schlicht auf den Fortbestand eine ausgebildeten Tendenz setzen, diese ungebührlich ausdehnen und unnötig verstärken können.

Ein Umstand von Wesenheit, welcher der Teilnahme am Spekulationshandel an den Börsen ungemein förderlich ist, ja gerade dazu anreizt, ist zweifellos in den geringen persönlichen und fachliche Anforderungen, den relativ niedrigen Transaktionskosten, sowie in der Praktik der vorgelagerten Standardisierung der zur Wahl stehenden Handelsinstrumente auszumachen. Für das erfolgreiche Fortbestehen der Produktreihen von Futures und Optionen an den internationalen Terminbörsen ist Letzteres, die Standardisierung und Normierung der Produkte, sogar als unerlässlich anerkannt. Sie begünstigt insbesondere die Möglichkeit einer nahezu jederzeitigen, reibungslosen, flexiblen und kostengünstigen Loslösung von einer zuvor eingeleiteten Risikoposition durch nur einen singulären Umsatzakt. Indem der Markthandelnde sich schlicht eines weiteren Börsengeschäfts, dem sogenannten "Gegengeschäft", bemächtigt und zur Ausführung bringt – ein eingeübtes Verfahren, was die Attraktivität der Märkte offenbar spürbar hebt – wird er seiner Risikoposition ledig. Gleich im Moment der Ausführung des Gegengeschäfts kommt es zur Verwirklichung eines sich einstellenden Gewinns oder Verlustes.

 

 

 

 

Die Motive, die Hedger wie auch weite Kreise von Arbitrageurs zur Teilnahme am Terminhandel bewegt, sind gänzlich andere als die von Spekulanten, offenbar allein schon deshalb, weil im Gegensatz zu jenen Letztere im Normalfall nur ein laues Interesse an der Lieferung der den einzelnen Terminkontrakten bzw. Optionen zugrunde liegenden effektiven Werte ("underlying assets") nehmen. Spekulanten bewegt vielmehr das Bedürfnis, durch eine kalkulierte und bewusste Inkaufnahme von Risiken (Wagnis) an dem Auf und Ab der Kursnotierungen von Finanzderivaten zu partizipieren. Aus diesem Grunde werden Termingeschäfte rechtlich auch als Differenzgeschäfte (und in der Alltagssprache oftmals als Börsen-, Termin- oder Differenzspiel) bezeichnet. Übertragen auf die Ebene von Zahlungsströmen gilt dabei Folgendes: Bringt man bei Geschäften mit unbedingten Finanzderivaten, wie sie z.B. Futures oder sog. Forwards verkörpern (mit Vernachlässigung von allfälligen Transaktionskosten als auch von Steuern) den Gewinn der einen Marktseite vom Verlust der anderen Marktseite in Abzug, so muss sich die Rechnung auf exakt Null stellen (Nullsummenspiel)*. Das aber heißt, ein Mehr hier geht immer zugleich auf Kosten eines anderen, womit immerhin die Chancen im Ganzen, obzwar hazardartig, in etwa gleich verteilt wären. Überdies sind derlei spekulative Positionierungen nicht nur allesamt immerzu von völliger Entwertung bedroht, sondern können nach einer Schieflage schlechterdings auch weit darüber hinausreichende Verluste einspielen. Die Quelle der Gefahr für den Terminhandel liegt überhaupt dort, wo durch einen allzu leichten Marktzugang auch jene Personen in verantwortungsvolle Stellung als Händler gelangen können, die weder berufsmäßig geübt noch die persönlichen oder die fachlichen Voraussetzungen dafür mitbringen. Zur Vermeidung greller Verluste (als freilich auch zur Absicherung von zufallenden Gewinnen) erheischen offene Terminpositionen sonach prinzipiell und unabweislich eine durchgehende, minuziöse Überwachung.

[* Zwar lässt sich argumentieren, dass der Eine sich mit dem Schaden eines anderen bereichert. Man beachte wohl, dass auf gesamtwirtschaftlicher Ebene dennoch positive, da gemeinwohlfördernde Effekte entstehen können. Stichworte hierzu sind: Steigerung der Marktliquidität, Abbau von Informationsasymmetrien, Separation von Risiken, Verbesserung der Risikoallokation resp. der Faktorverwendung.]

Das treibende Motiv eines mit derivativen Finanzmarktinstrumenten Spekulierenden, das sein Spekulationsfiber wohl vollends entfacht, liegt in dem Umstand begründet, durch den Einwurf von relativ wenigen eigenen Mitteln überverhältnismäßig am Geschehen auf dem Terminmarkt partizipieren zu können. Mithilfe der Hebelwirkung dieser Instrumente lassen sich, selbst bei nur geringfügigen Kursänderungen beim zugrunde liegenden Marktwert, die Chancen auf eine verhältnismäßig große Vermögensmehrung wahren (Nutzung des sog. Hebel- oder Leverage-Effekts). Vermöge der vielen Derivate eigenen hochgradigen Hebelwirkung sind manchenorts, und nicht am wenigsten an den schwankungsanfälligeren ("volatilen") Terminmärkten, auf den hinterlegten Ersteinschuss ("inital margin") bezogene Gewinne von teilweise mehreren 100 Prozent innerhalb kürzester Zeit keine Seltenheit. Dieser Effekt wird noch verstärkt durch niedrige An- und Verkaufsspesen ("commissions") für das Einleiten und Glattstellen von Engagements in Börsentermingeschäften. Die von allen Akteure geringsten Transaktionskosten entrichten die vor Ort auf einem Börsenparkett tätigen Spekulanten, die man gemeinhin auch unter der Bezeichnung "floor broker", "floor trader" oder "locals" kennt.

Termingeschäfte stehen allseits fürwahr in keinem guten Rufe. Sowie jemand das Wort Termingeschäft im Munde führt, drängt sich breiten Schichten der Öffentlichkeit unwillkürlich der üble Beigeschmack von hochspekulativen, über alle Maßen riskanten Geschäften auf, allerlei Vabanquespiele mit einbezogen. Zumindest aber erweckt allein die Nennung dieses Namens bei manchen ein gewisses Unbehagen. Diese wohl unauslöschlich ins allgemeine Bewusstsein vorgedrungene Voreingenommenheit zeichnet indes ein sehr einseitiges, ja schiefes Bild von der Praxis des Zeithandels. Sieht man genauer zu, so ist unschwer zu erkennen, dass um diese augenscheinlich mancherlei Irrungen ihr Spiel treiben. Meist zeugen Vorstellungen dieser Art sogar von einer völligen Verkennung ihres Wesens. Derlei vorgefertigte Meinungen und Nebenvorstellungen, die oft bis zu einer tief ins Bewusstsein geprägten Scheu und Abneigung reichen, rühren hauptsächlich von dem Tatbestand her, dass Verluste, wie sie aus unsachgemäßem Umgang Unberufener – exempla sunt odiosa – mit einer Handvoll komplexer modischer Finanzderivate in jüngster Vergangenheit verschiedentlich hervorgegangen sind*, theoretisch genommen in ihren Ausmaßen nicht mehr spezifizierbar sind und letzten Endes alsdann unausweichlich der Allgemeinheit zur Last fallen. Ganz richtig. Isoliert betrachtet kann die Verlusthöhe aus fehlgeschlagenen Geschäften mit Finanzderivaten gedanklich buchstäblich bis ins Uferlose reichen. Entsprechend groß scheinen angesichts der gemachten Erfahrungen die sich daraus erhebenden Bedrohungen für das gesamte Finanzsystem zu sein.

[* Stellvertretend hierfür seien Namen genannt wie: Midland Bank (1990), Orange County (1994), Barings (Frühjahr 1995), Daiwa Bank (Herbst 1995), Kidder Peabody, Long-Term Capital Management (1998), Sumitomo (90er Jahre). Mit Allfirst (2002), China Aviation Oil (2004), WestLB (2007), Societé Générale (2008) setzt sich die Aufzählung auch in diesem Jahrtausend fort. Dabei wäre es ein Leichtes, diese Liste noch zu verlängern.]

So nimmt es denn auch nicht wunder, dass in Anbetracht der spezifischen Verlustgefahren von Termingeschäften, die, vielfach im Bunde mit der ihnen eigenen Komplexität, von einer unsachgemäßen Anwendung derselben ausgehen, Derivativgeschäfte in fast allen Ländern rings um den Erdball einer besonderen Aufsicht und Reglementierung unterliegen. So ist etwa jeder Privatanleger, der in Deutschland im Begriffe ist, Börsentermingeschäfte abzuschließen, nach § 31 Abs. 1 – 3 Gesetz über den Wertpapierhandel ("Wertpapierhandelsgesetz" WpHG; früher § 37d WpHG, davor § 52 ff. BörsG) von Gesetzes wegen gehalten, zu seinem eigenen Schutze wie auch zum Schutze Dritter sich über die im Zusammenhang mit Termingeschäften stehenden speziellen Risiken grundlegend und in allgemein verständlicher Sprache vorher schriftlich aufklären zu lassen (Termingeschäftsfähigkeit "kraft Information", individuelle Risikoaufklärung). In gewissen Intervallen wird ob der Derivaten scheinbar immanenten Gefahren sogar der Ruf nach einem gänzlichen Verbot von Börsentermingeschäften laut. Doch verbieten hieße nicht unterbinden. Das Betätigungsfeld der Spekulation würde dadurch nur auf auswärtige Schauplätze verschoben, und bei uns es damit an gewünschter Finanzkraft mangeln.

In Wahrheit aber stellt eine besondere Gefährdung, die unbestreitbar Ursache für ein solches Empfinden ist, nichts den einzelnen Finanzderivaten direkt Anhaftendes dar. Vielmehr liegt ihr Potenzial untrennbar in der Sphäre des Anwenders selbst. Erst mangelndes Gefahrenbewusstsein sowie der leichtfertige Umgang damit, sei es aus Ungeschick, vom Unverstand geleitet oder schlicht aus Stümperei, birgt eine stete Gefahr, großes Übel zu stiften. Geschäftsgewohnte Spekulanten sind sich dieses Sachverhaltes nur all zu sehr inne. Sie begegnen derselben im Allgemeinen dadurch, dass sie bereits im Vorwege den Quellen, aus denen derlei Verlustrisiken hergeholt sind, eine ganze Anzahl von ausgeklügelten Techniken und Kontrollmechanismen hindernd in den Weg stellen. So kann beispielsweise schon der gezielte Einsatz der Mannigfaltigkeit an Orderarten das Substanzrisiko an den Zukunftsmärkten drastisch mindern, zumal jenes von bis in den persönlichen Ruin reichenden Verlusten infolge eines unverhofften Fehlschlags. Ein weiteres verlässliches Instrumentarium zur Risikobegrenzung verkörpern Optionen, die gewagten Position dagegen gehalten werden. Finanzinstitute und institutionelle Investoren schützen sich gegen solche und andere Risiken nebstdem durch Anwendung bewährter risikopolitischer Instrumente. Durch den Einsatz separater Kontrollsysteme etwa, die zusätzlich zu den schon wirkenden Sicherungsinstrumenten implementiert werden, sollen die aus dem Handel mit Derivaten resultierenden Risiken abgewendet, in ihren Folgen gemildert bezw. weithin eingegrenzt werden. Doch trotz aller Sicherungsvorkehrungen und aller wenn auch noch so wohlerwogener Kautelen lässt sich trotzdem nie ganz ausschließen, dass ein ungelöster Rest von Gefahren bleibt.

Planvoll eingesetzt, lässt sich mit Hilfe von derivativen Finanzinstrumenten im Zusammenspiel mit anderen Formen der Geldanlage (also im Rahmen des Gesamtportefeuilles) tatsächlich nahezu jede beliebige "Risiko-Rendite-Kombination" verwirklichen ("asset-allocation"). So lässt sich zum Beispiel das sog. systematische Risiko (Marktrisiko) eines Wertpapierportfolios, das mit konventionellen Anlageinstrumenten allein nicht weiter diversifizierbar ist, mittels Futures weiter reduzieren oder sogar gänzlich ausschalten (Hedging; Verringerung des sog. "net exposure"). Auch können Index-Terminkontrakte einem bestehenden Aktienportfolio beigesteuert werden, um so an erwarteten Kurssteigerungen im Aktienmarkt überproportional zu verdienen (ggf. unter Erhöhung des "net exposure"). Die Erschließung neuer Wege auf diesem Gebiete durch die finanzwirtschaftliche Forschung, die neben dem Fortschritt in der Informationstechnologie einherschreitet, werden das Spektrum der Gestaltungsmöglichkeiten an derivativen Finanzinstrumenten in nächster Zukunft noch zusätzlich erweitern. Der Schlussstein ist hier also lange noch nicht gesetzt. Derivative Instrumente gehören sohin nach heutigem Verständnis unzweifelhaft in die Reihe der indispensablen Bestandteile eines modernen Investment- und Portfoliomanagements.

 

Aufzählung

Der Zeithorizont im Trading und Teilnehmergruppen am Terminverkehr

Der Zeithorizont eines Traders kann bisweilen extrem kurzfristig sein: angefangen von wenigen Sekunden ("scalping") über einige Minuten – beide Male unter ständigem Abwägen von Augenblickschancen – bis zu Stunden ("intraday-trading"), kann aber mitunter auch Zeiträume längerer Dauer abdecken, die sich dabei über mehrere Wochen oder seltener gar über Monate erstrecken ("position-trading" oder "long-duration trading").

Im Einzelnen lassen sich nach der Fristigkeit ihres Erwerbsstrebens die folgenden Gruppen von Marktteilnehmern auseinanderhalten:

Scalper handeln als Mitglieder einer Präsenzbörse i. d. R. am Platz direkt auf dem Parkett ("locals", "Börsenkulisse"), wodurch sich insbesondere die sonst üblichen Gebühren einsparen lassen. Scalper erhoffen, Spekulationsgewinne dadurch zu erzielen, dass sie vermöge ihrer berufsbedingten Wissensvorsprünge früher als andere von marktrelevanten Tatsachen erfahren, die sich unmittelbar verwerten lassen. Sie kaufen und verkaufen in mitunter großer Zahl Terminkontrakte für nur sehr kurze Zeiträume in einem fort und suchen dabei auch kleinste Kursdifferenzen (bis zu 1 "tick") gewinnbringend auszunützen. Dies kann zuweilen soweit gehen, dass sie quasi gleichzeitig relativ hohe "bids" und relativ niedrige "offers" akzeptieren, womit sie praktisch zu Arbitrageurhändlern werden. Durch ihre Aktivitäten tragen Scalper in gewichtiger Weise zu einer Verbesserung der Liquiditätslage der Terminmärkte bei.

Daytrader sind ebenfalls kurzfristig orientierte Differenzspekulanten, auf deren Konten sich zu Beginn und am Ende eines Börsentages selten oder nie noch offene Posten finden. Daytrader gehen mit der Entwicklung und Verbreitung elektronischer Handelssysteme zunehmend von außerhalb des Börsenparketts zu Werke, doch treiben sie nicht in der Häufigkeit Handel wie es Scalper tun. Position-Trader hinwiederum richten ihr Bestreben vorwiegend darauf, nach Möglichkeit vollständig von längerfristigen Trends in den Terminmärkten zu profitieren. Zu diesem Zweck bedienen sie sich entweder gewöhnlicher Long- oder Short-Positionen ("Outrightgeschäfte") oder Kombinationen derselben in Gestalt von Spreads. Aufgrund ihrer längerfristigen Grundorientierung sind die Gewinne pro Kontrakt von Position-Trader meist größer als die von Daytrader oder gar jene von Scalper. Auch spielen bei Position-Tradern die Transaktionskosten eine minder bedeutende Rolle als bei den anderen Gruppen von Tradern.

Aus konzeptioneller Sicht lässt sich ein Engagement in Terminkontraktgeschäften trotz von Natur aus limitierter Laufzeit der einzelnen Kontrakte vollkommen beliebig bis ins Endlose ausdehnen. Um beispielsweise einen langfristig als stabil angesehenen Trend wahrzunehmen, werden dazu die standardisierten kurzen Fristen transformiert, indem in steter Folge der nahe Terminmonat – i. d. R. noch vor dem "first notice day" – unter gleichzeitigem Aufbau einer neuen Position im nun nachfolgenden Termin glattgestellt wird ("roll-over", oder auch "switching" genannt). In Ermangelung an Liquidität bei Wahl von späteren Terminmonaten und als Folge der grundsätzlichen Befristung von Terminkontraktgeschäften verbietet sich jedoch im praktischen Normalfall die Spekulation unter Aufrecherhaltung ein und derselben Position über einen längerfristigen Zeitraum. Dergleichen erklärt und begründet, warum die am häufigsten anzutreffende Spekulationsweise im Zeithandel die auf kurz bemessene Frist angelegte Spekulation ist (Trading).

Zur Erwirtschaftung beständiger Erträge aus Termingeschäften ist – neben einem gehobenen Maß an Erfahrung, Selbstdisziplin, Wissen sowie einer raschen Auffassungsgabe – eine minuziös geplantes und äußerst geschicktes, akkurates "Timing" unentbehrlich: Demgemäß reicht es nicht aus, bloß die Tendenz und das Ausmaß der künftigen Kursentwicklung zutreffend zu prognostizieren; vielmehr ist auch der Zeitraum, innerhalb dessen das Einsetzen der erhofften Kursbewegung antizipiert wird, mit sicherem Blick in die Zukunft zu erfassen (sog. taktische Asset Allocation).

 

Fazit: In direkter Gegenüberstellung mit den anderen aktiv am Marktgeschehen teilnehmenden Klassen (Hedger, Arbitragehändler) übt jene der Spekulanten nicht selten den gewichtigsten Einfluss auf die allgemeine Kursentwicklung an den Finanz- und Terminmärkten aus. Die von den Spekulanten hierbei insgesamt ausgelegten kolossalen Summen an Risikokapital bewirken regelmäßig ein Doppeltes. Sie üben durch diesen ihren Mitteleinsatz, der auf eine im Umfang verhältnismäßig knapp bemessene Zahl an ausgewählten Finanzinstrumenten trifft, eine konsolidierende Wirkung auf die Märkte aus. Sie tragen in ihrer Schlusswirkung damit nicht nur zu einer Steigerung der Liquidität in den einzelnen Marktsegmenten bei, sondern führen so auch im Ganzen zu einer Vervollständigung der Märkte für Unsicherheitsübernahmen. Sie bilden unter diesem Blickwinkel sogar eine organische Notwendigkeit moderner Volkswirtschaften; denn sie ermöglichen dadurch erst die wirkungsvolle Nutzung der Terminmärkte zur Absicherung von Kursrisiken (Motiv der Wertesicherung, Hedging): Erst durch Einbringung des Selbstinteresses von Spekulanten lassen sich volkswirtschaftlich gegebene Risiken marktgerecht bewerten und gegen eine angemessene Renditeerwartung auf kostengünstige wie einfache Weise umverteilen. Nicht zuletzt spiegelt sich in der Effizienz von Kurssicherungsgeschäften die zentrale ökonomische Bedeutung des Spekulationsmoments wider. Nur darf in der Zuneigung nicht zu weit gegangen und Spekulanten unbesehen als Wohltäter oder Segensstifter hinstellt werden: Zwar muss es jedem gestattet sein, seinen Vorteil in der Spekulation zu suchen. Wie von jeder sonstigen menschlichen Institution geht aber auch von der Spekulation eine Gefährlichkeit aus, wenn ihre Mittel und Methoden missbraucht werden. Spekulation als solche wird  immer dann vom Übel sein, wenn sie auf unlauteres Gebaren, insbesondere auf eine ungerechte Übervorteilung zum Nachteil anderer hinausläuft.

 

 

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"Es ist aber bey allen Mitteln, welche ein Mensch ergreiffen kann, zu gewinnen und reich zu werden,
stets zu beachten, daß sie weder die Tugend beleidigen noch die Gewissensruhe stören dürfen."
Johann Carl May (1731-1784), Kaufmann

 

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