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Die Entwicklung des
Capital Asset Pricing Model
(CAPM, Modell der Wertpapierlinie) knüpft sich in der
Hauptsache an drei Namen: William F. Sharpe,
John Lintner und Jan Mossin, die in den 60er Jahren des
abgelaufenen Jahrhunderts unabhängig voneinander ihr den Anstoß gaben*.
Einreihen lässt sich das Modell aus konzeptioneller Sicht in die sogenannten
Kapitalmarktgleichgewichtsmodelle der "neoklassischen" Finanzierungstheorie.
Das CAPM baut auf der Theorie der Wertpapiermischung (Portfoliotheorie
von Harry M. Markowitz) auf, erweitert es um die Frage, welches
das relevante Risikomaß für einzelne Anlageobjekte im Rahmen eines vollständig
diversifizierten Portefeuilles ist und versucht auf dieser Grundlage
zu erklären, wie risikobehaftete Anlagemöglichkeiten im Kapitalmarkt
bewertet werden. Über sein Kernmodell, dem Modell der Wertpapierlinie,
behauptet das CAPM eine positive, lineare Abhängigkeit der zu erwartenden
Rendite einer Kapitalanlage von nur einer Risikoeinflussgröße (Ein-Faktor-Modell).
Ziel des CAPM ist es letztlich, Konkurrenzgleichgewichtskurse (bzw.
-renditen) für einzelne riskante Investitions- oder Finanzierungsprojekte
(im Folgenden vereinfachend Wertpapiere genannt) im Portfolio-
und Kapitalmarktzusammenhang unter Ungewissheit herzuleiten.
[* Vgl. die Epoche
machenden Arbeiten von William F. Sharpe: "Capital Asset Prices:
A Theory of Market Equilibrium under Conditions of Risk." The Journal
of Finance 19, 1964, S. 425 – 442., John Lintner: "Security Prices,
Risk and Maximal Gains from Diversification." The Journal of Finance
20, 1965, S. 587 ff. und von Jan Mossin: "Equilibrium in a Capital
Asset Market." Econometrica, Vol. 34 (1966), S. 768 – 783.]
Modellprämissen
Das CAPM in seiner ursprünglichen Version
geht zu allem Anfang von den gleichen Voraussetzungen aus wie die
Portfoliotheorie: Risikoaversion, beliebige Teilbarkeit der Wertpapiere,
einperiodiger Planungszeitraum. Hinzu treten aus methodologischen Gründen
arg vereinfachende Annahmen über die Natur des Kapitalmarktes und dessen
Teilnehmer. Insbesondere wird unterstellt, dass
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sich
der (einzige) Kapitalmarkt im Konkurrenzgleichgewichtszustand befindet:
Der Markt befinde sich in einem Ruhezustand, unter dem niemand Anlass
hat, sein Wertpapierportfolio umzuschichten. Die Anzahl der Wertpapiere
ist hierbei fest vorgegeben und sämtliche Papiere werden gehalten.
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Des Weiteren herrsche eine einheitliche Marktrate des Zinses Rf,
zu der unbeschränkt finanzielle Mittel angelegt und Kredite aufgenommen
werden können ("pure rate"). Der Marktzinssatz Rf
möge in seiner Höhe unter der erwarteten Rendite
E(Rm) des riskanten,
risikoeffizienten Markportfolios M belegen sein. Die Existenz eines
risikoeffizienten Marktportfolios seinerseits setzt wiederum unabdingbar
informationseffiziente Kapitalmärkte voraus.
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Von
allen Marktteilnehmern wird angenommen, dass sie streng-rationale
Entscheidungen gemäß des Bernoulli-Prinzips treffen, sie zudem die
gleichen Erwartungen über künftige mögliche Renditen, Risiken und
Kovarianzen der zur Auswahl vorliegenden Wertpapiergattungen hegen
(homogene Erwartungen) und dass es keinen einzigen Markteilnehmer
gibt, der mächtig genug ist, diese Daten zu verändern ("price
taker"). Alle Markbeteiligten sind im Sinne der Portfoliotheorie
risikoavers. Ihre Bestrebungen richten sich allein und ausschließlich
darauf, den Risiko- und Konsumnutzen ihres Vermögens zum Ende der
Planperiode zu maximieren.
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Der
Kapitalmarkt sei frei von Friktionen. Es gibt weder Handelskosten
(Transaktionskosten),
wie Börsengebühren etc., noch Steuern, und es bestehen fernerhin
bei vollkommener Markttransparenz keine personellen, sachlichen
oder sonstigen Präferenzen gegenüber anderen Marktbeteiligten. Es
herrscht mithin vollkommener Wettbewerb ("Annahme vollkommener
Märkte").
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Modellkern
Aus
den vorstehenden Annahmen folgt, dass alle Kapitalanleger unabhängig
von ihrem individuellen Grad der Risikoscheu ein in ganz der gleichen
Weise zusammengesetztes risikobehaftetes Wertpapierportfolio auf der
Grundlage der Portfoliotheorie von Markowitz bilden ("Tobin-Separation")
und halten. Dieses Portfolio trägt den Namen Marktportfolio M.
In jenem Marktportfolio M sind sämtliche der auf dem Kapitalmarkt handelbaren
Wertpapiere enthalten, gewichtetet im Verhältnis ihrer jeweiligen Marktwerte.
Im μ/σ-Diagramm (vgl. die folgende Abbildung) repräsentiert das Tangentialportefeuille
auf der vom Sicherheitszins Rf ("pure rate") ausgehenden
Tangente an den Berührungspunkt der Effizienzlinie riskanter Wertpapiere
("efficient frontier") das Marktportfolio M. Das Tangentialportefeuille
M ist damit zugleich das einzige Portefeuille auf der Effizienzlinie,
dessen Existenz dominante Positionen ausschließt. Je nach Ausmaß seiner
Risikoaversion wird der rational Entscheidende in einem nächsten Schritt
seine bevorzugte ("nutzenmaximale") Positionierung auf der Kapitalmarktlinie
wählen. Mit Ausnahme der Position extrem risikoaverser Investoren, die
ihre Mittel allein und ausschließlich zum Satz von Rf investieren,
wird nach Maßgabe des Grades der individuellen Risikoscheu jede eingenommene
Position in ihrem optimalen Mischungsverhältnis eine Kombination sein
aus einem entsprechenden Anteil des Marktportfolios M und – bis auf
die Position des Marktportfolios selbst – aus einem korrespondierenden
Anteil der risikolosen Veranlagung zum Zinssatz Rf . Die
Struktur des in jeder risikoeffizienten Mischung enthaltenen Marktportefeuilles
M ist hierbei als solche stets identisch. (Siehe auch.: Erweiterung
des Modells der Portfoliotheorie um eine
sichere
Anlagemöglichkeit und Tobin-Separation.)

Abbildung: Kapitalmarktlinie
Sind
nun die erwarteten Kursänderungsraten und Risiken der einzelnen Wertpapiere
bekannt, so lässt sich auf einfache Weise auch die erwartete Rendite
E(Rm) und das durch seine
Standardabweichung
ausgedrückte Risiko des Marktportfolios σm ausrechnen. Da
Kapitalanlageentscheidungen in vielen Fällen auch eine wichtige Determinante
der Finanzierungsmöglichkeiten von Unternehmungen bilden, wird die von
Investoren erwartete Rendite des Marktportfolios
E(Rm) in der Kapitalmarkttheorie
aus einzelwirtschaftlicher Sicht als "Kapitalkosten unter Ungewissheit"
bezeichnet. Demnach ist mit "Kapitalkosten unter Ungewissheit" stets
eine prozentuale Größe und kein absoluter Kostenbetrag gemeint.
"Kapitalkosten unter Ungewissheit" gestatten einer Unternehmung im Kapitalmarktgleichgewicht
rationale Investitionsentscheidungen zu treffen, ohne genötigt zu sein,
zu diesem Zweck gleichzeitig ("simultan") eine detaillierte Finanzierungsplanung
aufzustellen. Vielmehr repräsentieren die "Kapitalkosten unter Ungewissheit"
den jeweils maßgeblichen Kalkulationszinssatz. Dem Leitbild der Trennbarkeit
gegenseitiger Abhängigkeiten über Märkte entsprechend lassen sich auf
diese Weise unabhängig von den ansonsten obligatorischen Finanzierungskalkülen
(und damit implizit auch unabhängig von den persönlichen Konsumpräferenzen
des Disponierenden oder der Kapitalgeber) widerspruchsfreie Investitionsentscheidungen
treffen ("Fisher-Separation"*). Die Zerlegung von Investitionsentscheidungen
in jeweils delegierbare Einzelentscheidungen wird dadurch – unter Wahrung
der Interessen aller Marktbeteiligten – in Unternehmungen ebenso
wie am Kapitalmarkt überhaupt erst möglich.
[* Vgl. dazu
Fisher, Irving: "The Theory of Interest". New York 1930, S. 253
– 275.]
Um unter vorstehenden
Modellannahmen in einer sonst institutionslosen
Modellwelt eines Kapitalmarktes auf mathematisch-statistischem Wege
den Kurs eines einzelnen im Marktportefeuille enthaltenen Wertpapiers
im Kapitalmarktgleichgewicht herzuleiten, ist zunächst folgende Sprachregelung
zu treffen:
Der
Unterschied zwischen der erwarteten Rendite des Marktportfolios E(Rm)
(= "Kapitalkosten unter Ungewissheit") und dem sicheren Zinssatz Rf
wird "Marktpreis für das Risiko" genannt. Die Risikomenge
eines jeden Wertpapiers in einem wohl diversifizierten Portfolio wird
als Beta (ß) bezeichnet. Das Risiko
des Marktportfolios M selbst wird auf 1 normiert, d.h. ßM
= 1. Der ß-Faktor eines individuellen Wertpapiers i, βi,
ist definiert als der Quotient aus der statistischen Kovarianz der Renditen
zwischen dem betreffenden Wertpapier i und dem Marktportfolio M, (σim),
zur Varianz der Renditen des Markt-Portfolios M, (σ²m),
d.h.
βi = σim / σ²m
.
Der Beta-Faktor bezieht
sich ausdrücklich auf das nicht weiter reduzierbare Risiko im Portfoliozusammenhang
(das sogenannte systematische Risiko) und steht damit zugleich
für den maßgeblichen Beitrag zum Portfolio-Risiko.
Nach einer sich hieran schließenden formallogischen
mathematisch-statistischen Optimumsbestimmung erhält man im Ergebnis
nun die zentrale Aussage des CAPM:
Die erwartete Rendite E(Ri) eines risikotragenden Investitionsobjekts
i (wie z. B. eine Aktie i)
setzt sich im Marktgleichgewicht zusammen aus dem Zinssatz Rf
für finanziell risikolose Mittelanlagen und einer Risikoprämie. Die
Risikoprämie ist das Produkt aus dem Marktpreis für das Risiko und der
Risikomenge des betrachteten Investitionsobjektes i, die in ihrer Höhe
durch ßi gemessen wird. Die formale Darstellung des CAPM
als Renditegleichung ergibt den folgenden Ausdruck:
E(Ri) = Rf
+ [E(Rm) – Rf]
· βi .
Der vorstehende Ausdruck – der sich aus dem Modell der Wertpapierlinie
("security market line") herleitet – bildet die Kernaussage des
CAPM und besagt: Der Beta-Faktor β ist das relevante Risikomaß für einzelne,
isoliert zu beurteilende Wertpapiere im Rahmen eines vollständig diversifizierten
Portefeuilles. Dabei erhöht sich die zu erwartende Rendite E(Ri)
eines Wertpapiers i gleichmäßig in dem Grad, als sein Beta-Faktor im
Wert wächst; und umgekehrt. Daraus folgt aber: Risikoaverse Investoren
sind nur dann bereit, ein Wertpapier i mit einem hohen Risiko ßi
zu halten, wenn hierfür im Markt eine angemessene Rendite zu erwarten
ist.
Unter der gesetzten Annahme
einer einperiodigen Planung lässt sich die berechnete Rendite für jedes
in Betracht gezogene Wertpapier auf einfache Weise in einen Gleichgewichtskurs
überführen. Der Gleichgewichtskurs bzw. -rendite dient in diesem vereinfachten
Erklärungsmodell der Marktpreisbildung als Maßstab dafür, inwieweit
der Wert des untersuchten Wertpapier(portfolio)s unter dem Einfluss
des Marktprozesses im Einklang mit seinem Risiko steht, wobei wiederum
von einer linearen Abhängigkeit zur Wertentwicklung des risikoeffizienten
Marktportfolios ausgegangen wird.
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Kritische Würdigung des Capital Asset-Pricing-Modells (CAPM)
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Das CAPM wurde in den
70er und 80er Jahren des letzten Jahrhunderts durch das Erscheinen einer
ganzen Reihe theoretischer Abhandlungen weiterentwickelt und verfeinert.
So wurde insbesondere geprüft, bis zu welchem Grad die Kernaussage des
CAPM aufrechtzuerhalten sei, wenn einzelne der realitätsferneren Annahmen
abgewandelt oder aufgehoben werden. Es stellte sich heraus, dass auch
unter weniger stringenten Annahmen das Modellergebnis weiterhin Bestand
behaupten konnte. Dies überrascht nicht, da die aus Modellen abgeleiteten
formalen Aussagen (Implikationen) zwangsläufig logisch wahr sein müssen,
sofern kein logischer Denkfehler innerhalb des Modells vorliegt. Einer
selbständigen empirischen Bekräftigung indes entzieht sich das
CAPM allein schon deshalb, weil die Ansetzung nicht realitätskonformer
Modellannahmen sich durch das Geschehen auf den wirklichen Kapitalmärkten
auch nicht beglaubigen lässt. So lässt sich etwa das Marktportfolio
aller Vermögenswerte nicht mit einwandfreier Präzision rekonstruieren.
Überdies vermag das CAPM unter den argen Modellvereinfachungen die Börsenkurse
in der Realität deshalb nicht adäquat zu erklären, weil sich unter den
komplizierten Verhältnissen realer Kapitalmärkte schwerlich der Zustand
eines Gleichgewichts unter Ungewissheit postulieren lässt. Seine Leistung
besteht nebst der Gedankenschulung vielmehr darin, dass es innerhalb
eines allgemeinen theoretischen Rahmens die logischen Existenzbedingungen
aufzuzeigen vermag, unter denen sich Investitionsentscheidungen in Unternehmungen
trennen lassen von den Finanzierungs- bzw. Konsumentscheidungen der
Kapitaleigner.
Gangbar erscheint dagegen
der Weg, aus den Modellergebnissen des CAPM passende Hypothesen über
reale Kapitalmärkte zu formulieren, welche daraufhin Schritt für Schritt
an typischen Fällen der praktischen Erfahrung auf die Probe zu stellen
und – wenigstens im Groben und vorläufig – zu verifizieren resp. zu
falsifizieren sind. In einem Ansatz solcher Art, Einsichten in nicht
gleich offenkundige Zusammenhänge der Wirklichkeit zu gewinnen, ist
letztlich auch der Sinn des CAPM zu erblicken.
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