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Aufzählung Entwicklung, Stellenwert und Anwendungsmöglichkeiten von Finanzderivaten

Futures, Optionen und andere Kernderivate haben in den vergangenen drei Dezennien an den internationalen Börsenplätzen und Finanzzentren sowohl aus einzel- als auch aus gesamtwirtschaftlicher Sicht unleugbar eine herausgehobene Bedeutung erlangt. Geleitet von einer im Ganzen gesehen stetig zunehmenden Akzeptanz der vorbezeichneten Finanzmarktinstrumente kam es in jener Zeitspanne an den Märkten zu einem gleichsam explosionsartigen Anstieg ihres Umsatzvolumens. Seinen sachlichen Ausgang nahm der in seiner Dynamik bisher ungebrochene Entwicklungsprozess von Derivaten von dem Ruf einer Vielzahl weltweit operierender Finanzinstitute und multinationaler Unternehmungen nach unkomplizierten wie wirksamen Sicherungsinstrumenten, die sich fallweise dem Management von spezifischen Marktpreisrisiken (Hedging) dienstbar machen lassen. Angesichts der im ausgeprägten Wirtschaftsverkehr unserer Zeit merklich gestiegenen Preisvolatilitäten in und zwischen den verschiedenen Güter- und Finanzmärkten nimmt es nicht wunder, dass der angelegentliche Wunsch von sehr berufener Seite vorgebracht endlich auch an den Zukunftsmärkten zunehmend Gehör finden konnte.

Treibende Kraft hinter dieser beispiellosen Entwicklung waren rückblickend die aufkeimenden Deregulierungs- und Liberalisierungsbestrebungen an den Finanzmärkte zu Beginn der Siebzigerjahre des letzten Jahrhunderts, die sich gründeten auf allerlei ambitioniert vorgebrachte konzertierte wirtschaftspolitische Aktionen. Diese stellten im weiteren Verlauf – beflügelt vom technischen Fortschritt in der Informationstechnologie – in ihrem Kern darauf ab, eine in zeitlicher und räumlicher Hinsicht immer engere Verflechtung der bislang weitgehend unabhängig voneinander agierenden nationalen Märkte hervorzubringen, mit dem Ziel eines einheitlichen globalen Finanzmarktes. Begleiterscheinungen, wie erhebliche Vereinfachungen von internationalen Finanztransaktionen, die sich ehedem nur leidlich durch einen komplexen Bankenapparat schleusen ließen, sowie die Schaffung bequemer Übertragungswege für Finanztitel mittels Verbriefung von Forderungen, Verbindlichkeiten und Restbetragsansprüchen (Securitization) und Emission der daraus hervorgegangenen Papiere* im Sekundärmarkt, verliehen diesem Reformprozess noch zusätzlichen Rückenwind.

[* Aus dem Kreis jener verselbständigten Rechte sind besonders herauszuheben Certificates of Deposit (CDs), Euronotes, Euro Commercial Papers, Zerobonds, Floating-Rate-Notes etc., im jüngsten Zeitabschnitt aber auch sog. Collateralized Debt Obligations (CDOs), die im Zusammenhang mit der US-Immobilienkrise ("subprime mortgage crisis") in Misskredit gekommen sind und seither in öffentlicher kritischer Diskussion stehen.]

Hierzu tritt der vom Strom eines verstärkten internationalen Wettbewerbs getragene rasante Aufschwung, der sich unlängst auf dem Felde der Finanzinnovationen eingestellt hat. Die jüngst erworbenen Einsichten der Finanzierungsforschung verbunden mit Ideenreichtum in der Produktgestaltung haben den verschiedenen Bank- und Emissionshäusern auf diesem Gebiete ein breites Betätigungsfeld eröffnet, auf dem eine nahezu unübersehbare Flut neuartiger Produkte entstehen konnte und immer kunstvollere gewiss auch in Zukunft noch ersonnen werden, nicht zuletzt in der Absicht, diese zur Abschöpfung zusätzlich geschaffenen Gewinnpotenzials auf dem Markte zu verwerten. Der Wunsch, mit den erhöhten Anforderungen von Finanzmärkten heutiger und wohl auch künftiger Prägung in ihrer gesamten Tragweite jederzeit Schritt halten zu können, hat parallel dazu einen sprunghaft gestiegenen und noch stetig wachsenden Informationsbedarf über die Anwendungsvoraussetzungen, Funktionen und speziellen Risiken von derivaten Finanzinstrumenten ausgelöst. Durch das geballte Engagement von sogenannten Hedge-Fonds als auch durch das zunehmende Interesse einer stattlichen Zahl von institutionellen Partizipanten* ist ein üppiger Zuwachs des Umsatzvolumens an den globalen Derivatemärkten in der nächstbevorstehenden Zukunft auch von dieser Seite schon heute absehbar.

[* Institutionelle Marktakteure haben üblicherweise – und zwar in viel stärkerem Maße als Hedge-Fonds – einen besonderen Sinn für die Erzielung eines stetigen und dauerhaften Einkommens. Zum Kreise der institutionellen Anleger gehören Geschäftsbanken, Lebensversicherungsgesellschaften, Pensionskassen, sog. "private-equity"- und Investmentfonds, einige multinationale Unternehmungen, Stiftungen sowie sonstige Kapitalsammelstellen.]

Im Wahrnehmungsfeld der breiten Öffentlichkeit erweckt das Wort "Börsentermingeschäft", sobald man es im Munde führt, diffuse Vorstellungen der unterschiedlichsten Art. So kursiert beharrlich die Auffassungen, Termingeschäfte seien über alle Maßen riskant und darum unwiderruflich zu verdammen. Vielfach sogar wird in einem Atemzuge jedwede Form von Termingeschäften pauschal identifiziert mit waghalsigen wie gewissenlosen Spekulanten, die von barer Gewinnsucht beherrscht gigantische Geldsummen in moralisch anrüchiger Weise aufs Spiel setzen und auch entfernt keinen Anstand nehmen, Preistreibereien an den Finanzmärkten Vorschub zu leisten – alles im Sinnen und Trachten nach schnellen Kurssteigerungen, aus denen sie ihr Vermögen zu nähren suchen. Derlei eingealterte, ins allgemeine Bewusstsein gedrungene Ansichten und ausgesprochene Verdammungsurteile sind irrtümlich. Sie stützen sich vorwiegend auf den Sachverhalt, dass die mögliche Verlusthöhe bei gewissen Arten von (singulären) Termingeschäften – zumal von solchen, denen bei oberflächlicher Betrachtung ihr hoch spekulativer Charakter dem bloßen Augenschein nach geradezu anzuhaften scheint (gemeint sind hiermit im Besonderen singuläre Short-Positionen in Futures bzw. Short-Positionen in Optionen als Outrightgeschäfte) – nach einer Unbedachtsamkeit oder Fehleinschätzung der künftigen Preisentwicklung theoretisch gegen die buchstäbliche Unendlichkeit strebt. Und weil diese von niemandem allein mehr getragen werden können, fallen sie letzten Endes der Allgemeinheit zur Last. – Noch andere Formen von (OTC-) Derivaten wiederum werden allen Ernstes bezichtigt, sie könnten gar das gesamte Finanzsystem in seinen Grundfesten erschüttern!

Auf die Bildung einer derart krassen, einseitig vorgefassten öffentlichen Meinung von der risikoreichen Natur von Termingeschäften sind eine Reihe von spektakulären Verlustgeschäften* in den Zukunftsmärkten sowie in jüngster Zeit die Eindrücke der Finanz- und Wirtschaftskrise, zu der es in der Wirtschaftspresse an Berichterstattungen wahrlich nicht mangelt, gewiss nicht ohne fördernden Einfluss geblieben. Doch trotz alles gegenteiligen Anscheines: So sehr sich ihnen auch manche historisch gewordene Übelstände nachsagen lassen, so gründlich wird verkannt, dass die bloße Existenz von Finanzderivaten nicht gleichbedeutend ist mit ihrem Risiko!** Nicht diese verdienen das Misstrauen, sondern die Personen, die sie unsachgerecht und unreflektiert anwenden! Erst Erscheinungen nämlich, wie mangelndes Fachwissen, unzureichende interne und aufsichtsrechtliche Sicherungsvorkehrungen gegen technisches oder menschliches Versagen sowie ein leichtfertiger, unsachgemäßer, bisweilen sogar durch Spielfreude gelenkter Umgang mit ihnen werden zu einer akuten Gefahr! Der geschäftsgewohnte Anwender vom Fach, der auf eine reichliche Erfahrung mit der Materie des Risikomanagements zurückblicken kann, ist sich dieser Tatsachen nur zu sehr bewusst und wird darum im tagtäglichen Verkehr mit derartigen Instrumenten wohlweißlich darauf bedacht sein, potentiellen Verlustrisiken von Grund aus vorzubeugen. Dazu wird er besondere Vorsorge- und Sicherheitsmaßnahmen ergreifen, so etwa den verschärften Einsatz weithin bewährter technisch-organisatorischer Überwachungssysteme, welche, wo etwas darauf ankommt, noch durch speziell ausgeklügelte Handelstechniken ihre Ergänzung finden. Allein aller Vorkehrungen zur Sicherung zum Trotz lässt sich, solange Menschen fehlbar sind, niemals ganz ausschließen, dass ein ungelöster Rest von Gefahren bestehen bleibt.

[* Beispiele bieten sich in reicher Zahl dar. Stellvertretend hierfür stehen Namen wie: Midland Bank (1990), Orange County (1994), Barings (Frühjahr 1995), Daiwa Bank (Herbst 1995), Kidder Peabody, Long-Term Capital Management (1998), Sumitomo (90er Jahre). Mit Allfirst (2002), China Aviation Oil (2004), WestLB (2007), Societé Générale (2008) setzt sich die Aufzählung auch in diesem Jahrtausend fort. Dabei wäre es ein Leichtes, diese Liste noch um einiges zu verlängern.]

[** Einige Anmerkungen mögen in dieser Note ihre Stelle finden: Finanzderivate stellen insofern kein Novum dar, als sie sich kraft Anwendbarkeit des Bausteineffekts in ihre altüblichen Komponenten zerlegen, wieder neu mischen und duplizieren lassen ("financial engineering"). Auch wenn für das Laienauge nicht auf den ersten Blick erkennbar, so verkörpern sie damit doch grundsätzlich die gleichen Arten von Risiken, die bereits seit langem von traditionellen Finanzanlagen her bekannt sind, von denen sie sich ja in letzter Hand ableiten. Nichtsdestoweniger greifen in neuerer Zeit, zumal in Deutschland, ein gutes Dutzend Finanzmarktunternehmungen vereint mit der werbenden Wirtschaftspresse derartige in ihrer äußerlichen Schlussform umstrukturierte Produkte (oftmals unter Täuschung über den üblichen Wortsinn Derivate, indem dieser Name schlechthin für Zertifikate u.dgl. allein in Anspruch genommen wird, ohne auch nur mit einer Silbe von der Existenz bedeutsamerer, transparenter und weithin etablierter Derivate Notiz zu nehmen – sie wird rundweg totgeschwiegen!) begierig auf, um sie angesichts der davon ausgehenden Gewinnlockungen dem privaten Geldanleger geradezu reißerisch als verheißungsvolle "Neuerung" unter einem Wust von wohllautenden Namen, wie Discount-Zertifikate, Bonus-Zertifikate, Index-/Tracker-Zertifikate, Sprint-Zertifikate, Basket-Zertifikate, Garantie-Zertifikat, Airbag Zertifikate, Knock-out-Zertifikate etc., mundgerecht und griffig zu machen. Die Lobpreisungen auf derlei Finanzinstrumente sind insofern bedauerlich, als manch Inhaber eines kleinen Kapitales, eine überlandesübliche Verzinsung aufsuchend, dadurch leicht in Verlockung gerät, sein sauer erspartes Geld in für ihn undurchsichtigen Instrumenten zu investieren, anstatt es lieber aufs Sparbuch (realiter Termingeld, Bundesanleihen usw.) zu legen. Doch die Vorkommnisse der Finanz- und Wirtschaftskrise haben die Skepsis gegenüber Zertifikaten rege gemacht. Zweifellos aber hat das dahinterstehende Konzept, das bis vor kurzem noch inmitten der Modeströmung lag, einen so gewaltigen Dämpfer bekommen, dass das Vertrauen auch in den Reihen der treusten Zertifikateanhänger schwankend geworden ist. Bis zum Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers Inc. jedenfalls schien es so, als sei der fortschreitend steigenden Zahl der umstrukturierten Produkte keine Schranke gezogen. Die Emissionshäuser hatten schließlich allen Anreiz, diesen florierenden Markt immer weiter auszudehnen. Allein der deutsche Zertifikatemarkt umspannt derzeit eine Produktzahl – einschließlich einer Unzahl abgewandelter Hebelprodukte und sonstige Mischgebilde – von insgesamt ca. 390000 Produktarten (Stand: Oktober 2009). Ob sie damit ihren Gipfelpunkt gesehen hat, oder ob sie doch noch zu neuen Höhen aufzuschwingen imstande ist, oder ob neuartige, gar noch kunstreichere Konstruktionen derivater Produkte, die der aktuellen Zeitrichtung wieder mehr zugeneigt sind, in Schwange kommen, wird die weitere Entwicklung zeigen. Im Hinblick auf eine konkrete Anlagestrategie soll endlich nicht versäumt werden noch zu bemerken, dass jene, die am Finanzmarkt einen gegebenen Einkommensstrom aus herkömmlichen Instrumenten (Aktien, Anleihen, Futures und Optionen) unter Einsparung von Gebühren in einen anderen, dazu äquivalenten zu transformieren wissen, Zertifikate mit großer Gleichgültigkeit betrachten werden.]

 

Aufzählung Motive für den Einsatz von Finanzderivaten
 

 

Derivativer Finanzmarktinstrumente gibt es viele und vielgestaltige. Sie sind alle ohne Ausnahme das Ergebnis alternativer Vertragsgestaltungen. Allein die derzeit auf dem Markt zur Auswahl stehende Produktpalette an derivativen Finanzinstrumenten ist breit genug, das Entscheidungsfeld der Reflektanten um einen ganzen Schwung an bedarfsgerecht verfertigten Handlungsalternativen, die ohne das Dasein von Zukunftsmärkten, auf denen sie entstehen und umgesetzt werden, kaum oder gar nicht realisierbar wären, gehörig zu erweitern und zu ergänzen (Komplettierung und Vervollkommnung der Finanzmärkte). Der besondere (individualwirtschaftliche) Vorteil von Finanzderivaten liegt nun ganz entschieden darin, dass die Nutzleistungen, die sie jedem Sachkundigen zu stiften vermögen, sich präzise ausrichten lassen auf die konkret vorherrschende Markterwartung nicht minder als auf die psychische Disposition, insbesondere auf die persönliche Einstellung gegenüber wirtschaftlichen Unsicherheiten, d. i. die Risikoneigung des Disponierenden.

Derivative Finanzinstrumente öffnen den Zugang zu einer ganzen Zahl neuer und nützlicher Verwendungsgelegenheiten. Ihr gekonnter Einsatz erschließt den versierten Marktteilnehmern eine ihren individuellen Markteinschätzungen und Risikoneigungen konforme Positionierung in den Güter- und Finanzmärkten, die ohne die Existenz solcher Instrumente entweder gar nicht denkbar oder doch nur unvollkommen zu realisieren wären ("risk/return management"). So lässt sich durch den sachgerechten Gebrauch von Finanzderivaten häufig und gern ein gewünschtes Risiko-/Ertragsprofil wohlgefällig verwirklichen, ohne dabei dem Erfordernis unterworfen zu sein, die ansonsten sofort fälligen, meist nicht unerheblichen Summen zu finanzieren, die auf einen effektiven Erwerb der einzelnen unterliegenden Vermögenswerte ("underlying") und auf eine daran sich schließende physische Bestandhaltung derselben auszulegen sind ("cost management").* Gleichzeitig lassen sich Risiken und Liquidität durch den Einsatz von Derivaten auf einfache Weise separieren. Planvoll eingesetzt, lässt sich etwa mit Hilfe von Futures und Optionen im Zusammenspiel mit anderen Formen der Geldanlage (d. h. im Rahmen der Ausrichtung des Gesamtportefeuilles und vor dem Hintergrund eines gegebenen wirtschaftlichen, steuerlichen und persönlichen Entscheidungsumfeldes) mit vergleichsweise geringem Mitteleinsatz unter Einsparung von Transaktionskosten nach Belieben nahezu jede denkmögliche Risiko-Rendite-Kombination mit leichter Mühe verwirklichen (vollständige Märkte; "complete markets").

[* Finanzderivate, wie Futures, Optionen, Swaps etc., erhalten hierdurch zum Mindesten den Charakter einer eigenständigen Klasse an Vermögenswerten ("Asset-Klasse").]

Die folgende Aufzählung von Anwendungsfällen möge noch einmal summarisch die Weitflächigkeit der Einsatzmöglichkeiten von Finanzderivaten exemplifizieren: So lassen sich durch ausgewählte – und durch die moderne Finanzierungsforschung noch stetig verfeinerte – Methoden der Risikosteuerung mittels strategischen Einsatzes von Derivaten etwa Index-Terminkontrakte einem bestehenden Aktienportfolio beisteuern in der Absicht, auf kostengünstige Weise an erwarteten Kurssteigerungen in den Aktienmärkten überproportional zu partizipieren (Ertragsoptimierung, Investing), wohl ohne dazu die sonst notwendigen Umschichtungen vornehmen zu müssen. Darüber hinaus vervollständigen Futures, Optionen und andere Derivate die bestehenden Finanzmärkte auch mit Rücksicht auf die Versicherbarkeit von Risiken: Bequem lassen sich damit z. B. spezifische Versicherungen in ihrer Zahlungsstruktur nachbilden, Kreditrisiken übertragen, leistungswirtschaftliche Risiken von finanzwirtschaftlichen Risiken trennen oder systematische Risiken* aus Wertpapierportfolios, welche mit konventionellen Anlageinstrumenten allein nicht weiter diversifizierbar sind, taktisch mithilfe von Futures weiter reduzieren bzw. im Extremfall sogar gänzlich ausschalten (Hedging). Fernerhin werden Derivate namentlich von institutionellen Investoren (s. o.) oftmals eingesetzt zum Zwecke einer Index-Arbitrage, zur Ersparung von Transaktionskosten und Steuern sowie aus bilanziellen Gründen ("regulatory arbitrage"), unlängst aber auch zur Schaffung neuartiger (sog. strukturierter) Produkte ("synthetic securities"; Innovationsfunktion) als endlich zu einer Kosten sparenden Duplizierung bereits vorzufindender Kapitalanlageformen. Doch ebenso zur Verstetigung von Renditen, und zwar weitgehend unabhängig von der allgemeinen Marktentwicklung, hat sich der gekonnte Einsatz von derivaten Instrumenten bewährt. Kurzum: Kraft ihrer breit gefächerten Nutzungsmöglichkeiten zählen Finanzderivate, wie Futures, Optionen und Swaps etc., im modernen Wirtschaftsleben unserer Zeit fraglos zu den integralen Bestandteilen eines soliden Portfolio- und Risikomanagements ("risk management").

[* Das Systematische Risiko, auch Marktrisiko genannt, umschreibt die Wertgefahr, die vornehmlich von allgemeinen makroökonomischen Einflussgrößen ausgeht, insbesondere also Wechselkurs- und Zinsänderungsrisiken, Unsicherheiten bei Wachstumsraten und Wirtschaftszyklen usw. Aber auch Wirtschaftspolitik und Steuergesetzgebung, Kriegsgefahren oder Naturkatastrophen treten als Risikofaktoren dazu. Kennzeichnend für systematische Risiken ist also, dass sie stets von einer Wirtschaftsgemeinschaft als Ganzes getragen werden müssen.]

 

Aufzählung Zur Bedeutung und Funktion von Futures im Besonderen

Futures ordnen sich in die Reihe der Derivativen Finanzmarktinstrumente (Finanzderivate) ein. Finanzmarkderivate sind bekanntlich Termingeschäfte, deren Wert in eindeutig bestimmbarer Weise ableitbar ist von einer gegebenen, originären Marktvariablen. Kontrakte in Futures zählen – da unverbrieft – als solche weder zu den Wertpapieren noch dienen sie primär der Finanzierung*. Vielmehr handelt es sich bei Futures ihrem Wesen nach um durch Standardverträge begründete, zeitlich befristete Verfügungsrechte über künftige Leistungen**. Die als börsennotierte Zukunftsgeschäfte anzusprechenden Märkte für Futures auf der einen und die ihnen beigeordneten Teilbereiche altüblicher Spotmärkte auf der anderen Seite ergänzen einander in vortrefflicher Weise, indem sie rücksichtlich der Vielzahl real anzutreffender Rendite/Risiko-Profile der Wirtschaftssubjekte zur Vervollständigung und Vervollkommnung der Finanzmärkte einen nutzbringenden Beitrag leisten. Der Nutzen der Marktbeteiligten steigt nicht nur für den Einzelnen, sondern insgesamt.

[* Futures dienen weit weniger der Finanzierung zur Widmung von Kapital in der Zeit für produktive Zwecke als vielmehr, und gewiss nicht am wenigsten, der Nutzung der vielfältigen Chancen aus Kursänderungen. Böswillige versteigen sich deshalb mitunter sogar zu der Behauptung, Futures seien nicht mehr als geschickt ersonnene Glücksspiele, die überdies auf gegenseitige Übervorteilung gründen. Neben der Nutzung zur Spekulation lassen sich Futures freilich ebenso gut der Absicherung bzw. Eingrenzung gegenüber spezifischen Preisrisiken (Hedging) wie auch Arbitragezwecken dienstbar machen. Welchen Zweck ein einzelnes Futuresgeschäft nun tatsächlich verfolgt, lässt sich ihm von außen jedoch nicht ansehen. Einen Deklarationszwang oder Ähnliches gibt es an den Terminbörsen grundsätzlich nicht.]

[** Jene künftige Leistungen stellen traditionell ab auf eine physische Andienung von Gütern und Waren in natura, erstrecken sich jüngst aber vermehrt auf eine (ex ante unsichere) Geldausgleichszahlung; vgl. dazu: Erfüllung von Futures-Kontrakten durch "cash settlement".]

Durch die Futures eigentümlichen Fähigkeiten, Zahlungsstromverläufe (Cashflows) bzw. Risiko/Ertrags-Profile an persönliche Zielvorgaben wie auch an objektive Marktgegebenheiten anzugleichen, lassen sie sich dem Abbau von Unvollständigkeiten und Unsicherheiten in den Märkten ebenso dienstbar machen, wie sie berufen sind, durch Arbitragen Ineffizienzen zu beseitigen. Daneben öffnen sie ein breites Anwendungsfeld auch für spekulativ orientierte Akteure (Trader) an den Finanzmärkten: Diesen geben Futures ein vortreffliches Instrument an die Hand, um spezifische Informationen und Erwartungen über (meist kurzfristig, aber ebensowohl auch langfristig) steigende oder fallende Kursentwicklungen in den Terminmärkten (Wissensvorsprünge, z. B. aufgrund einer Fundamentalanalyse) auf einfache und kostengünstige Weise in zweckentsprechende Markthandlungen zu transformieren. Hierbei zeigt es sich, dass insbesondere ein frühzeitiges Erkennen und eine rechtzeitige Ausnützung von erkannten Fehleinschätzungen des Marktes über aktuelle Bewertungen (Informationsineffizienzen) eine erfolgreiche Vollendung darauf sich stützender Spekulationen wahrscheinlich machen. Sollten sich die gehegten Erwartungen über die künftige Marktentwicklung in der Folge tatsächlich verwirklichen, indem der Markt solche vermeintlichen Fehleinschätzungen rechtzeitig korrigiert, so erwachsen dem Futures-Trader daraus die erhofften Spekulationsgewinne; der Marktgegenseite fallen indes in demselben Verhältnis Vermögensverluste zur Last. Durch die herrschende Publizität des Preisgeschehens erzeugen verwirklichte Spekulationsgewinne bzw. -verluste  gleichzeitig öffentliche Signale an das übrige Marktpublikum, wo erfolgreiche Tradinggelegenheiten sich boten bzw. verlustbringende bevorstanden, die ihrerseits laufende Anpassungsentscheidungen hervorrufen. Der eben skizzierte Marktablauf der bestätigten und enttäuschten Spekulationserwartungen, die sich bilden aus den aufkommenden unsicherheitsbehafteten Vermögenschancen, ist ein unumkehrbarer Prozess, der sich beständig wiederholt. Der Erfolg jeder spekulativen Positionierung in Futures wird damit letztlich entscheidend abhängen von der Güte der Prognosefähigkeit über die künftige Marktentwicklung und deren Folgen.

Spekulativ ausgerichtete Terminmarktteilnehmer sind demnach überhaupt weniger an einer Finanzierung oder Vermögensanlage im klassischen Sinne interessiert als vielmehr an einer kurzfristigen Ausnutzung der wahrgenommenen Marktchancen durch eine vom "Timing" bestimmte Positionierung in Erwartung einer unmittelbar anschließenden Korrektur der mutmaßlichen Fehlbewertungen durch den Markt, wodurch ihnen die erhofften Spekulationsgewinne zuwachsen*. Die hierbei zutage tretende Publizität des Preisgeschehens wirkt, wie erwähnt, gleichsam als Signal an andere Marktteilnehmer, das aufzeigt, wo angesichts von Divergenzen vorteilhafte Handelsmöglichkeiten bestanden bzw. in naher Zukunft denkbar sind (informationswirtschaftliche Effekte durch Wissensaufdeckung).

[* Gerade in jüngster Zeit machen sog. Hedge-Fonds verstärkt durch die Politik der sie leitenden Manager auf sich aufmerksam, voraussichtliche Marktineffizienzen durch zumeist kurzzeitiges Jonglieren mit relativ großen (zum Teil auch kreditfinanzierten) Kapitalbeträgen zu ihren Gunsten auszunutzen. Nach dem Transaktionsmotiv beschränken sich Hedge-Fonds dabei aber nicht nur auf Spekulation im engeren Sinne, sondern treten auch als Arbitrageure oder selbst als Hedger an die Märkte heran. Hedge-Fonds agieren zu einem großen Teil von wohl bekannten Steueroasen aus und unterliegen damit nur sehr eingeschränkt obrigkeitlichen Auflagen. Somit steht ihnen im Rahmen ihrer Investmentstrategien das gesamte Spektrum an Einsatzmöglichkeiten von Finanzderivaten frei. Derzeit gibt es weltweit etwa 9000 verschiedene Hedge-Fonds mit einem verwalteten Kapital von insgesamt rund 1,9 Billion US-Dollar (Stand: September 2008).]

Die von zahlreichen Spekulanten in den Terminmärkten ausgehenden enormen Beträge an Risikokapital bewirken überdies eine Konzentration finanzieller Mittel auf eine nicht allzu große Menge an ausgewählten Terminkontrakten (einschl. Optionen*), womit diese Gruppe von Marktakteuren einen ganz wesentlichen Beitrag zur Erhöhung der Liquidität im Marktsegment der börslichen Zukunftsmärkte leistet. Nicht selten übersteigt das konsolidierte Handelsvolumen in den Futuresmärkten jenes der (zudem noch stärker fragmentierten) Spot- bzw. Kassamärkte, auf die sie sich beziehen, um ein Vielfaches, womit Futures und nächst ihnen auch andere Derivate in und zwischen den einzelnen Märkten zur treibenden Kraft hinsichtlich der Preisentwicklung werden ("lead and lag"-Beziehung). Infolge davon ist eine an aktuelle Informationen ausgerichtete Bewertung und darüber hinaus auch eine zweckentsprechende Umverteilung von isolierten Preisrisiken mithilfe handelbarer Finanzderivate in den Zukunftsmärkten oftmals leichter möglich als im jeweiligen Spotmarkt des Basisinstruments selbst.

[* Der Handel mit Futures wird begleitet von einem regen Handel mit Optionen auf Futures ("futures options", "options on futures"). Hierbei wird ein Futures selbst zum Gegenstand eines börsennotierten Optionsgeschäftes ("zweifach derivatives Termingeschäft"). Dem Publikum eröffnet sich hierdurch die Möglichkeit einer indirekten Teilnahme am Futures-Handel, indes mit einem für Optionskäufe typischen vorab begrenzten Verlustrisiko.]

Ein komfortabler und flexibler Börsenhandel mit Terminkontrakten bei einem hohen Grad an Liquidierbarkeit (Fungibilität) ist jedoch schwerlich ohne Transaktionskosten sparende Standardisierung der Geschäfte vorstellbar. Der Vorteil eines friktionslosen, liquiden und flexiblen Börsenhandels geht deshalb in der Mehrzahl der Fälle unweigerlich einher mit einem Verzicht auf die an individuelle Bedürfnisse der Vertragspartner orientierten bilateralen Einzelvereinbarungen, wie sie beispielsweise außerbörslich (OTC) ausgehandelte Swap- oder Forward-Geschäfte (kurz: "forwards") erlauben.

Die Übertragung und Umverteilung einzelwirtschaftlicher Risiken ist eine wichtige, aber längst nicht die einzige gemeinwohlfördernde Funktion, deren Futures fähig sind. Hinzu tritt eine allgemeine Preisermittlungsfunktion. Zur Bedeutung der Preisbildung in den Futuresmärkten lässt sich grundsätzlich Folgendes feststellen: Auch wenn empirische Futureskurse nicht zwingend einem ehernen Gesetz folgend allezeit ihren fairen, theoretisch richtigen Konkurrenzgleichgewichtspreisen zustreben werden, so geht die herrschende Meinung jedenfalls dahin, dass die über einen zentralisierten börslichen Handel zustande kommenden Terminpreise – zumindest in den liquiden, effizient arbeitenden Märkten – sich doch in bestmöglicher Weise auf dem tatsächlichen künftigen Wert* des zugrunde liegenden Marktgegenstandes ("underlying") einpendeln**; denn sämtliche Informationen über die aktuell bestehende bzw. zu erwartende fundamentale wirtschaftliche Angebots- und Nachfragesituation fließen als Ergebnis des in Märkten bewerteten Handelns augenblicklich in die Kursbildung ein (Preisermittlungsfunktion, Signalfunktion und Bewertungseffizienz). Die im Marktprozess waltende große Öffentlichkeit (Transparenz) des Preisgeschehens erleichtert durch eine damit verbundene Wissensaufdeckung eine faire Bewertung von Terminkontrakten und damit auch die Entscheidung, ob und wenn ja, in welchem Umfang die Wertgefahr getragen respektive abgegeben werden soll ("Risikoallokation").

[* Hinweis: Unter Unsicherheit impliziert jeder Bewertungsakt die zutreffende Antizipation möglicher zukünftiger Zustände der Welt.]

[** Hierbei handelt es sich zwar um eine recht mutige, gleichwohl plausibel erscheinende Hypothese, die aber nach dem derzeitigen Stand des Wissens noch nicht stichhaltig zu belegen ist.]

Finanzderivate, wie Futures, Optionen und Swaps, zeichnen sich überhaupt durch eine ungemeine Vielseitigkeit aus. Ihre Nutzleistungen lassen sich nach Maßgabe eines konkreten Erfordernisses und je nach handelspolitischen Zweckmäßigkeitserwägungen zielgenau abstimmen auf die unterschiedlichsten Motive ihres Einsatzes. Deren gibt es zahlreiche. Die Leichtigkeit in ihrer Gebrauchsweise etwa macht sie unleugbar vielenorts zu einem bevorzugten Instrument der Spekulation als nebstdem auch der Arbitrage. Ihre außerordentlich große Popularität beruht jedoch im vortrefflichen Sinne und zu einem ganz bedeutenden Teil auf die ihnen anhaftende Verwendungsmöglichkeit als ein Vehikel zur Absicherung gegenüber Preisrisiken aus koordinierten Kassamarkt- resp. Lokogeschäften. Eine gewünschte Versicherungswirkung lässt sich mit ihrer Hilfe oftmals nicht nur billiger, sondern auch einfacher vermitteln und bewerkstelligen, als durch Einsatz alternativ verfügbarer Instrumente. Aufgrund ihrer innewohnenden spezifischen Assekuranzeigenschaft verkörpern Derivate demnach ein maßgeschneidertes Instrumentarium der Versicherbarkeit gegenüber den unerwünschten Folgen bestimmter künftig denkbarer Marktzustände. Mehr noch: Erst durch den Umstand, dass ein zielgerichteter Einsatz derivativer Instrumente es jedem Kundigen gestattet, gegebene Marktrisiken isoliert zu bewerten, zu steuern, zu bündeln und zu überwälzen, gelingt eine sinnvolle Umverteilung knapper Ressourcen auch auf gesamtwirtschaftlicher Betrachtungsebene (allokationsverbessernde Wirkung).

Hervorgehoben zu werden verdient zu guter Letzt die Fähigkeit von Futures und anderen Derivaten zur Bewältigung gesonderter kurz- bzw. mittelfristiger Preisrisiken, zumal jene, die von effektiven Waren- bzw. Finanzgeschäften (Kurssicherungsfunktion, Hedging) herrühren, indem realwirtschaftlich gegebene Risiken der eben angesprochenen Art gegen eine angemessene Renditeerwartung gebündelt auf die Gruppe der weniger risikoscheuen Spekulanten übertragen werden (Marktfähigkeit spezifischer Risiken). Demnach spiegelt sich in der Effizienz, mit der finanzwirtschaftliche Risiken sich mit Hilfe von Futures und anderen zeitgemäßen derivativen Instrumenten über den Marktprozess sowohl isoliert bewerten als auch durch deren Einsatz zum Zwecke von Kurssicherungsgeschäften gezielt beherrschen lassen, ohne Zweifel die zentrale ökonomische Bedeutung* des "Finanzintermediärs" Terminmarkt für eine vorgeschrittene Volkswirtschaft wider.

[* Vgl. hierzu auch: Signal- und Informationsfunktion der Preise.]

Lesen Sie auf der nächsten Seite:

Wie entstehen Futures?

 

 

Siehe auch:

 

Aufzählung

Wie entstehen Futures?

Aufzählung

Der Handel mit Futures

Aufzählung

Der Futureskurs

Aufzählung

Das Offene Interesse ("open interest") und der Umsatz ("volume")

Aufzählung

Glattstellung offener Positionen: Das Gegengeschäft

Aufzählung

Settlement: Die Erfüllung eines Futures-Kontrakts durch physische Lieferung oder "cash settlement"

Aufzählung

Die Mindestkursänderung ("tick", "minimum price fluctuation")

Aufzählung

Tägliches Kurs-Limit ("daily price limit") – "limit-up" bzw. "limit-down"

Aufzählung

Die Positions-Obergrenze ("position limit"), "accountability rules" und Reportpflicht ("reportable limit")

Aufzählung

Zur Beziehung zwischen Spotmarktpreis und Futureskurs und "cost of carry"

Aufzählung

Devisen-Futures

Aufzählung

Aktienindex-Futures

Aufzählung

Zins-Futures auf Geldmarktinstrumente

Aufzählung

Zins-Futures auf mittel- und langfristige Anleihen

 

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2010 Bert H. Deiters
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Stand: 21. Juli 2010. Alle Rechte vorbehalten.